V. Das Wesen des Menschen und sein Ausdruck in der griechischen Kunst
Das tritt einem ja besonders stark entgegen, wenn man den Blick wendet auf den jungen Goethe. Goethe lernt wirklich schon in seinen jungen Jahren viel von der Welt kennen, von der Welt seiner Umgebung, von der Art und Weise, wie die Menschen denken, wie sie empfinden. Und er lernt sogar sehr viel von dem kennen, wie außerordentlich bedeutende, genialische Menschen versuchen, sich die Welt vorzustellen. Aber es ist für Goethe — ich habe das hier schon einmal auseinandergesetzt — ein Kampf, hineinzuwachsen in seine Kulturumgebung. Denn wir wissen ja, seit den letzten vier bis fünf Jahrhunderten ist die Kulturwelt intellektualistisch geworden, und Goethe empfand diesen Intellektualismus, der über alles sich ergossen hat. Er drückte das im «Faust» aus: Philosophie ist intellektualistisch geworden, Juristerei ist intellektualistisch geworden, Medizin ist intellektualistisch geworden, "Theologie sogar ist intellektualistisch geworden. Faust hat alles das studiert. Aber der bloße Gedanke, der in dem allem lebt, der ist ihm etwas Wirklichkeitsfremdes. Er will die geistigen Grundlagen des Daseins zu sich in Beziehung bringen. — Das ist im Grunde genommen Goethes Empfindung. Dieses IntellektualistischWerden des modernen Menschen, das mußte natürlich Goethe zugeben, denn es war so die Zeitentwickelung. Die Menschheitsentwickelung war eben an diesem Punkte angelangt. Aber für ihn war es ein Kampf, weil der Gedanke doch nicht das volle Menschliche intensiv umfaßt. Er fühlte sich der Welt fremd, indem er die Welt ringsherum als eine gedankliche sich entwickeln sah.
Cite:
GA 211/1922-03-31/p023 · edition original