V. Das Wesen des Menschen und sein Ausdruck in der griechischen Kunst
Dagegen wendet sich Goethe zu Shakespeare hin, der aus allen Widersprüchen der Natur heraus gestaltet. Daher findet Goethe, daß Shakespeare so etwas ist wie der Interpret des Weltengeistes selber. Das empfindet Goethe ganz tief deshalb, weil er dieses Hereinbrechen des Intellektualismus fühlt. Nicht wahr, ich habe schon öfter aufmerksam gemacht darauf, daß man Hamlet wie einen Schüler des Faust ansehen kann. Daß Hamlet — natürlich der Shakespearsche Hamlet, nicht der des Saxo Grammatikus - da die zehn Jahre, wo Faust seine Schüler kreuz und quer an der Nase herumgeführt hat, als Schüler zu Füßen des Faust in Wittenberg gesessen haben könne, das war Goethe unmittelbar anschaulich. Er sprach natürlich die Dinge im einzelnen nicht aus; aber derjenige, der nun sagen würde: Habe nun, Gott sei Dank, Philosophie, Juristerei, Medizin und zu meinem Heil auch Theologie studiert — der würde natürlich nicht ein inniges Behagen empfinden können, wenn er, sagen wir, den DänenPrinzen vor sich künstlerisch gestaltet findet, der den Monolog spricht: Sein oder Nichtsein - und der von jenem Land spricht, aus dem noch kein Wanderer zurückgekehrt ist, trotzdem er kurz vorher den Geist vom alten Hamlet selber gesprochen hat, der also von furchtbar kurzem Gedächtnis sein muß, wenn er sich in dem Momente, wo er den Monolog spricht, nicht erinnern kann, daß er ja just mit seinem Vater geredet hat, der aus jenem unbekannten Lande zurückgekommen ist!
Cite:
GA 211/1922-03-31/p032 · edition original