Dritter Vortrag
Unsere Schädelknochen, die sind gar nicht so dumm angebracht an uns; denn das Seelische, das strahlt nach allen Seiten und wiederum nach dem Inneren zurück. Wir sind auch in unseren Schädelknochen, aber nur als physisch-feste Menschen drinnen. Aber unser Seelisches strahlt in uns hinein. So daß wir eigentlich, wenn wir vollständig unseren Kopf aufzeichnen, sagen müssen: Zunächst breitet sich da drinnen das Seelische aus (rot). Aber ich möchte sagen, das würde uns in einem dumpfen, unbewußten Zustande lassen. Aber nun, da kann es nicht hinein, wo die Schädelknochen sind, da wird es überall zurückgestrahlt, überall hinein in uns (Pfeile). Und erst wenn es da zurückgeht, dann haben wir es als Seelisches. So daß Sie wirklich in Ihrem Inneren Ihr Seelisches wie von allen Seiten an dem Spiegel der Schädelknochen zurückgeworfen haben. Das ist so. Geisteswissenschaft schließt nicht etwa das Materielle aus, sondern macht das Materielle erst recht verständlich, indem das Seelische so betrachtet wird, wie es das Materielle beherrscht. Nicht wahr, den Bäcker lernt man auch nicht dadurch kennen, daß er bloße Bewegungen ausführt, sondern die Bewegungen, die er ausführt, machen dann die Semmeln und die Gipferl. Die Seele lernen wir nicht dadurch kennen, daß wir sie nur in Abstraktionen betrachten, sondern was die Seele da macht, das tritt uns als Bild in unserem Organismus entgegen. Wir müssen gerade verstehen, diesen Organismus in der richtigen Weise als ein Bild des Seelischen zu betrachten. Wenn wir nicht den Willen haben, auf den Menschen einzugehen, auch wie er uns entgegentritt im Bilde des Physischen, wenn wir sozusagen zu bequem sind, den Menschen kennenzulernen als physischen Menschen, lernen wir auch das Seelische nicht kennen; denn das, was gewöhnlich so als Seelisches beschrieben wird von den Leuten, die das Physische nicht geistig auffassen wollen, das sind eigentlich Dinge, die ebenso real sind, wie wenn Sie eine leckere Speise hier haben und Sie stellen sich einen Spiegel her und dann essen Sie nicht die Speise, sondern das, was Ihnen der Spiegel zurückwirft. Sie werden nicht satt. So werden Sie auch nicht seelenkundig, wenn Sie die Seele nicht in ihrem Schöpferischen, Aktiven betrachten, in dem, was sie tut, sondern sie nur betrachten wollen als Bild. Man muß daher durchaus nicht auf dem Standpunkte stehen, daß man ein richtiger Geisteswissenschafter ist, wenn man das Materielle verachtet. Man muß das Materielle eben geistig fassen, dann wird es durch und durch Geist. Sonst lebt man in Abstraktionen, in Intellektualismen; die führen von dem Erkennen ab, nicht zu ihm hin.
Cite:
GA 212/1922-05-05/p046 · edition original