Siebenter Vortrag
Dasjenige, was sich da als Ergebnisse der menschlichen Entwickelung mitgeteilt hat, das wird heute durch den Glauben aufgenommen. Heute trennt man hübsch voneinander ab: Wissen auf der einen Seite, das Wissen soll Naturwissen der äußeren Welt sein. - Nun, das erwirbt man durch den Kopf. Der Kopf ist dickschädelig, dem tut das nicht weh, insbesondere weil auch die Erkenntnisse durch außerordentlich dünnmaschige Begriffe gewonnen werden. Und auf der anderen Seite: Was sich erhalten hat als ehrwürdige Traditionsvorstellungen, das nimmt man, wie man sagt, durch den Glauben auf. Aber eigentlich müßte man von einem gewissen Gesichtspunkt aus sagen: Der Unterschied zwischen dem Wissen und dem Glauben ist der, daß man heute den Willen hat, als Wissen nur dasjenige gelten zu lassen, was nicht weh tut, wenn man es erringt, und daß man durch den Glauben, der auch nicht weht tut, dasjenige zu erringen sucht, was einmal als ein Wissen, das allerdings nicht der sinnlichen Welt angehört, auf sehr schmerzvolle, leidvolle Art errungen worden ist.
Cite:
GA 212/1922-05-27_02/p040 · edition original