Fünfter Vortrag

GA 214/1922-08-05/p006 ·1922-08-05 · original (original)
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Ich will es Ihnen noch durch etwas Anschauliches verdeutlichen. Nehmen wir an, Sie sehen irgend etwas in der Außenwelt, sagen wir zum Beispiel eine Maschine. Sie haben das Bild der Maschine. In dem Sinne, wie das Goethe beschrieben hat, gibt das ein Nachbild, das kurz erklingt, dann abklingt. Sie bekommen den Gedanken der Maschine, der sich länger hält, der aber auch abklingen würde. Aber die Maschine sendet außerdem in Ihren Geistesorganismus noch etwas hinein. Bei der Maschine ist das allerdings etwas sehr wenig Schönes, bei der Pflanze zum Beispiel ist es viel schöner. Die sendet etwas in Sie hinein. Und nun, nach meinetwillen einem Monat, blicken Sie in sich hinein. Die Erinnerung entsteht Ihnen durch das, was damals auch in Sie, ohne daß Sie es gewußt haben, gleichzeitig mit dem hineingegangen ist, was den Gedanken erregt hat. Nicht der Gedanke ist da unten herumgewandelt, sondern es ist ein unbewußter geistiger Vorgang gewesen. Der wird später beobachtet. Erinnerung ist Beobachtung, späteres Beobachten eines Geistvorganges, der parallel gegangen ist der physischen Wahrnehmung. — Sehen Sie, eigentlich leben wir Menschen so in der Welt: Da ist unser fortlaufender Strom des Daseins; wir sind in dem Meere der Geisteswelt drinnen. Und nun leben wir zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in dieser geistigen Welt darinnen unser Dasein weiter. Nur gibt es Zeiten, da gehen wir aus der geistigen Welt heraus mit dem Kopf. Also wir bewegen uns fort, und zu gewissen Zeiten, wie ein Fisch, der über das Wasser hinausschnellt, kommen wir heraus. Das ist das Erdenleben. Dann tauchen wir wieder unter. Dann kommt wieder ein Erdenleben. Wir tauchen nämlich nicht mit unserem ganzen Geistwesen aus diesem Meere des geistigen Daseins auf, sondern nur mit dem Kopf. Da unten bleiben wir immer in der geistigen Welt drinnen. Nur wissen wir nicht mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, was vorgeht. Also für die geistige Wahrnehmung ist es eigentlich so, daß wir sagen können: Der Mensch lebt zwischen Tod und neuer Geburt in der geistigen Welt. Dann guckt er herauf mit seinem Kopf in sein Physisches, aber mit dem Hauptteil bleibt er immer noch in der geistigen Welt, auch zwischen der Geburt und dem Tode. Und es ist gut für uns, daß wir dadrinnen schwimmen bleiben, denn wir hätten sonst keine Erinnerungen. Das, was uns die geistige Welt gibt, macht sie uns möglich. Das Erinnern ist schon ein geistiger Vorgang, der durchaus einer objektiven Welt angehört, nicht bloß etwa einer subjektiven. Das gewöhnliche Bewußtsein gibt sich dabei einem Irrtum hin. Es glaubt nicht, daß mit der Erinnerung ein realer Prozeß verknüpft ist. Aber das gewöhnliche Bewußtsein irrt sich, geradeso wie jemand, der einen Berg mit einem Schloß vor sich hat. Jetzt sieht er das ganz genau, jetzt glaubt er an die Wirklichkeit. Nun entfernt er sich. Die Sache wird immer perspektivischer, und er würde sagen, weil das immer perspektivischer wird: Jetzt habe ich nur ein Bild, keine Wirklichkeit mehr. So entfernen wir uns in der Zeit von der Wirklichkeit. Das Schloß, das ändert sich nicht .in bezug auf seine Wirklichkeit im Raume, wenn unser Bild sich ändert. Ebensowenig ändert sich in bezug auf seine Realität dasjenige, dem unser Erinnerungsbild entspricht. Das bleibt, wie unser Schloß bleibt. Wir irren uns nur, weil wir unsere zeitliche Perspektive nicht richtig einschätzen können. So sind viele Dinge, die sich auf den Menschen beziehen, einfach richtigzustellen. Was wir als ein in der Zeit verlaufendes Bewußtsein haben, das ist nämlich nichts anderes als ein perspektivischer Anblick der Vergangenheit. Vergangenheit vergeht nicht, sie bleibt. Unsere Bilder rücken nur in zeitliche Perspektive.

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