Siebenter Vortrag

GA 214/1922-08-09/p017 ·1922-08-09 · original (original)
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Nun hat der Mensch durch die neueren Jahrhunderte hindurch, bis ins 20. Jahrhundert herein, in sich selber kaum etwas anderes gefunden als die organische Anlage dazu, solche Gedankenbilder auszugestalten. Es war das die Erziehung der Menschheit zur Freiheit. Der Mensch hatte keine, wie es in der alten Zeit noch der Fall war, atavistischen Imaginationen oder Inspirationen. Er hatte nur Gedankenbilder. In diesen Gedankenbildern konnte er immer mehr und mehr frei werden, weil Bilder nicht zwingen können. Hat man in Bildern die sittlichen Impulse, so sind diese sittlichen Impulse nicht mehr zwingend, wie sie waren, als sie in der alten Gedankensubstanz lagen. Sie wirkten: damals eben wie Naturkräfte auf den Menschen. Die neueren Gedankenbilder wirken nicht mehr wie Naturkräfte. Man mußte sie daher, damit sie überhaupt einen Inhalt haben, entweder anfüllen auf der einen Seite mit demjenigen, was die Naturerkenntnis durch die bloße sinnliche Beobachtung weiß. Daher bekam man eine sinnliche Beobachtungswissenschaft, welche die Gedanken von außen anfüllte; von innen wollten sie sich aber immer weniger und weniger mit etwas anfüllen. So daß die Menschen da greifen mußten, wenn sie überhaupt noch angefüllte Gedanken haben wollten, zu den alten Traditionen, wie es entweder der Fall war in den traditionell gewordenen Religionsbekenntnissen, oder in den traditionell gewordenen, verschieden gearteten Geheimgesellschaften, wie sie ja über die ganze Erde hin blühten. Die große Masse der Menschen wurde zusammengefaßt in den verschiedensten Religionsbekenntnissen, wo man vor diesen Menschen etwas vorbrachte, dessen Inhalt aus älteren Zeiten stammte, wo noch den Gedanken ein Inhalt eben gegeben worden war. Oder aber man entfaltete — kultushaft oder auch anders — in Geheimgesellschaften wiederum dasjenige, was mehr oder weniger aus alten Zeiten durch Tradition stammte. Man füllte von außen die Gedanken mit sinnlichem Beobachtungsinhalt an. Man füllte sie von innen an mit den alten, dogmatisch traditionell gewordenen Impulsen.

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Cite: GA 214/1922-08-09/p017 · edition original