Erkenntnis- und Willensübungen
Soll ich nun klarmachen, wie sich für diese Inspiration die Wesenheit des menschlichen irdischen Vorstellens darstellt, so muß ich mich eines Bildes bedienen, aber dieses Bild spricht die volle Realität aus. Denken Sie sich einen menschlichen Leichnam. Dieser Leichnam hat noch die Formen, die der Mensch im Leben gehabt hat. Die Organe sind noch so gegliedert, wie der Mensch sie im Leben gegliedert hatte. Dennoch müssen wir sagen, wenn wir den Leichnam anschauen: Er ist nur der Rest desjenigen, was der lebendige Mensch war. — Aber wenn wir diesen Leichnam nun seiner Wesenheit nach studieren, müssen wir uns sagen: So wie er als Leichnam vor uns liegt, kann er keine ursprüngliche Wirklichkeit haben. Er ist nicht denkbar als etwas, das so entsteht, wie er als Leichnam ist; er kann nur als Rest eines lebendigen Organismus da sein. Der lebendige Organismus muß zuerst dagewesen sein. — Die Formen des Leichnams, die Glieder, alles weist nicht nur auf den Leichnam hin, sondern auf das, aus dem der Leichnam geworden ist. Und wer den Leichnam in dem Zusammenhang des Lebens richtig anschaut, der wird durch den Leichnam verwiesen auf das, aus dem der Leichnam geworden ist, auf den lebendigen Menschen. Die Natur, der wir den Leichnam übergeben, kann diesen nur zerstören. Sie kann ihn nicht als solchen aufbauen. Wollen wir auf die aufbauenden Kräfte im Leichnam sehen, so müssen wir auf den lebendigen Menschen hinschauen.
Cite:
GA 215/1922-09-09/p008 · edition original