Erkenntnis- und Willensübungen

GA 215/1922-09-09/p019 ·1922-09-09 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Die intellektualistische Philosophie kann also nur auf indirektem Wege zu einem Erkennen des ewigen Wesenskernes des Menschen kommen, und zwar nur durch das Erkennen dessen, was dem Erdenleben gegenüber als ein Vorangehendes zu betrachten ist. Wenn dann eine solche Philosophie nicht nur auf das Denken eingeht, wenn sie nicht nur intellektualistisch sein will, sondern auch eingeht auf ein inneres Erleben des Wollens, überhaupt der anderen Seelenkräfte, die im Weltenzusammenhange jünger sind als das Denken, dann kann eine solche Philosophie sich eine Vorstellung machen von dem Wechselspiel zwischen dem Denken und dem Wollen. Sie kommt dann auf der einen Seite zu dem logischen Schluß von dem Zusammenhang des ersterbenden Denkens zu dem vorirdischen Seelendasein, das sie nicht anschauen kann, das sie seiner Wesenheit nach nicht erkennen kann, auf das sie aber schließen kann als auf etwas, das in einem Unbekannten da ist. Und wenn sie eingeht auf das Wollen oder auf die Gemütskräfte und das Wechselspiel zwischen dem Denken und den Gemütskräften erlebt, dann wird sie darauf kommen, nicht nur ein Ersterbendes, sondern auch ein Embryonales im Wollen zu erkennen. Das können Sie, wenn Sie es nur unbefangen in die entsprechenden Worte kleiden, sogar bei Bergson finden. An der Art, wie er spricht, wie er philosophiert, merkt man bei ihm den Impuls, den er selber empfindet, und durch dessen Empfindung er sich selber hineinversetzt in die Erkenntnis eines ewigen Wesenskernes der Menschenseele. Aber da Bergson es ablehnt, zu einer übersinnlichen Erkenntnis zu kommen, so gelangt er nur zu einer Erkenntnis des menschlichen Wesenskernes, insofern er sich im Erdenleben offenbart; und er kann eigentlich nicht aus seiner Philosophie bündige Beweise bekommen für Ungeborenheit und Unsterblichkeit. Aber er charakterisiert auf der einen Seite, was alt geworden ist, als Denken — wenn er es auch anders benennt — und als Leichnamhaftes sich hinüberlegend über die Sinnesanschauungen. Auf der anderen Seite fühlt er durch die lebendige Art, wie er es charakterisiert - das Embryonale im Wollen, in das er sich lebendig versetzen kann und dem man anfühlt: es ist ein Ewiges darinnen. Aber er kommt auf diese Art doch nur zu der Charakteristik des geistig-seelischen Wesenskernes des Menschen im Erdenleben, nicht darüber hinaus.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/215/1922-09-09/p019.json
Cite: GA 215/1922-09-09/p019 · edition original