Erkenntnis- und Willensäbungen

GA 215/1922-09-09/p034 ·1922-09-09 · original (original)
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Andere wieder merken, daß dieses gewöhnliche Bewußtsein, dieses klare Alltagsbewußtsein im Menschen doch ohnmächtig ist, irgend etwas auszusagen über die Erlebnisse im rein geistigen Gottesreich. Daher wendet man sich an die mehr unterbewußten Regionen der Menschenseele, an die Gefühlswelt, an gewisse mystische Fähigkeiten und spricht von einem unmittelbaren, elementaren Gotteserleben. Das ist ja heute sehr verbreitet, daß man von einem unmittelbaren, elementaren Gotteserleben spricht. Ja, gerade die Vertreter dieses elementaren Gotteserlebens sind für den Zustand der Geistesverfassung der Gegenwart besonders charakteristisch. Sie fliehen mit aller Macht die Möglichkeit, ihr Gottesbewußtsein in klare Ideen, die logisch gestaltet sind, zu bringen. Sie machen lange Ausführungen darüber, daß eben dieses die wahre Religion nach ihrer Meinung enthaltende elementare Gotteserleben nicht in logische Beweise gebracht werden könne, daß man darauf verzichten müsse, den religiösen Gehalt in intellektualistischen Formen auszudrücken. Solche Vertreter eines elementaren Gottesbewußtseins geben sich aber doch nur Illusionen hin, denn das, was irgendwo in einer Seelenregion erlebt wird, kann auch in klare Ideen gebracht werden. Und stellt man nach dem Muster dieser Leute die Theorie auf, der religiöse Gehalt verliere, wenn er in klare Ideen umgesetzt wird, so zeigt man damit, daß man sich nicht einem wirklichen, sondern nur einem erträumten Ideengehalt hingegeben hat. Es ist ganz besonders charakteristisch für die Gegenwart in bezug auf das religiöse Leben, daß man an etwas appelliert, das, wenn es zur Klarheit gebracht werden soll, eigentlich in den Irrtum verfällt.

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Cite: GA 215/1922-09-09/p034 · edition original