Das Schicksal des Ich-Bewußtseins im Zusammenhang mit dem Christus-Problem
Würde man in der heutigen Wissenschaft diesen Tatbestand wissen, so würde man es überhaupt ganz unmöglich finden, in den Materialismus verfallen zu können. Denn was haben denn jene Leute zu sagen, welche die menschliche Totalorganisation materialistisch deuten wollen? Sie sagen: Die organischen Vorgänge gehen eben auch im Kopfe vor sich; sie spielen sich dort als organische Lebensprozesse ab, wie sich in der Leber oder im Magen Lebensprozesse abspielen, so eben auch im Gehirn, und dieses Abspielen der Lebensprozesse im Gehirn lebt sich als Gedanke, als Seelentätigkeit aus. — Aber dies ist ja den Tatsachen gegenüber ein völliger Unsinn. Denn wir denken nicht dadurch, wir erleben im gewöhnlichen Bewußtsein die Seele nicht dadurch, daß aufbauende Lebensprozesse stattfinden, sondern dadurch, daß unser Nervensystem fortwährend in dem Zustande ist, abgebaut zu werden, daß der Tod fortwährend in uns sitzt. Waches Seelenleben im gewöhnlichen Bewußtsein haben, heißt: organische Prozesse nicht entwickeln, sondern abtöten. Die organischen Prozesse müssen erst in sich ersterben, sie müssen Platz machen der Seele, wenn sie sich im gewöhnlichen Bewußtsein entfalten wollen. Würde man das richtig einsehen, so würde man sagen müssen: Aus den organischen Prozessen kann ganz gewiß das Seelenleben nicht hervorgehen, weil diese organischen Prozesse erst in die Situation des Ersterbens kommen müssen. Sie müssen sich erst zurückziehen aus der Kopforganisation, wenn die Seele darin tätig sein will.
Cite:
GA 215/1922-09-14/p013 · edition original