Das Erleben des Willensteils der Seele
Sie sehen, daß die auf der bloßen Sinneswissenschaft bauende Medizin ergänzt und erweitert werden muß durch das, was aus der geistigen Anschauung, aus der Erkenntnis der totalen Menschenorganisation folgen kann. So, wie die Sinneswissenschaft in ihrem physiologischen, in ihrem anatomischen Teil nur die Außenseiten der menschlichen Organisation zu beurteilen vermag, so vermag sie auch nur durch ein äußerliches Probieren die Beziehung eines Heilmittels zu einer Erkrankung zu finden. Inspiration, Imagination und Intuition bringen es dahin, den inneren Zusammenhang eines Heilmittels oder Heilprozesses mit dem Wesen des Krankheitsprozesses zusammenzuschauen und an die Stelle der bloß probierenden empirischen Therapie eine den Menschen und die Heilprozesse durchschauende rationelle Therapie zu setzen. Auch dieses kann ich hier nur ganz skizzenhaft andeuten, aber Sie sehen daraus, wie in dem, was als anthroposophische Erkenntnis begründet werden soll, auch der Ausgangspunkt liegt für ein weiteres Ausgestalten sowohl der Pathologie wie der Therapie nach den charakterisierten Gesichtspunkten, und diese Dinge haben ja bei uns innerhalb unserer Bewegung schon praktische Form angenommen. In unseren Therapeutischen Instituten in Stuttgart und hier in Arlesheim wird nicht etwa medizinischer Dilettantismus getrieben. Was heutige Medizin ist, wird voll anerkannt und auch angewendet; aber durchdrungen werden diese Dinge von dem, was eine Geist-Erkenntnis, eine Geistanschauung in sie hineinlegen kann. Kritiker, die bloß auf die Sinneswissenschaft bauen wollen, sagen heute noch, das, was diese Geisteswissenschaft, die aus Anthroposophie heraus arbeitet, über Krankheit und Heilprozesse zu sagen hat, sei kindlich. - Nun, es ist dies ganz begreiflich bei Menschen, die nur aus der Sinneswissenschaft heraus denken und arbeiten wollen. Aber gesagt muß doch werden, daß eben solche Menschen keine Ahnung haben von den wahren Verhältnissen, wenn sie die Dinge «kindlich» nennen, und daß dasjenige, was die Sinneswissenschaft anatomisch, pathologisch und therapeutisch hervorbringt, nur ein Unterbau ist für das, was sich aus der geistigen Anschauung heraus gerade für die Medizin ergibt. Und ich möchte es nicht in einem abfälligen Sinne, sondern nur in bezug auf manche Kritiker sagen: Wenn schon etwas kindlich ist in mancher Beziehung, dann ist es die Medizin, die nur auf das Sinnesding sich aufbauen will, wobei ich nicht das Kindliche absprechen will, sondern nur darauf verweisen, wie es ergänzt wird durch das, was aus einer Geist-Erkenntnis in bezug auf den totalen Menschen herauskommt. — Wenn Sie dies bedenken, werden Sie einsehen, wie man in die Details gehen muß, wenn man die Betätigungen des ätherischen, des astralischen Organismus und der Ich-Wesenheit des Menschen im physischen Leben durchschauen will.
Cite:
GA 215/1922-09-15/p020 · edition original