Das Erleben des Willensteils der Seele
Mit der Traumbildung ist es ja so, daß eigentlich die Träume immer unmittelbar anklingen an die Erlebnisse des soeben vergangenen Tages oder an die des zweitvergangenen oder des drittvergangenen Tages. Und ebenso wie wir etwas träumen aus dem vergangenen Tage, dies aber in einer Gedankenassoziation mit anderen, früheren unserer Erlebnisse steht, so kommen auch diese anderen Erlebnisse des Menschen im Traume herauf. Wir träumen zum Beispiel, daß wir gestern mit einem Menschen dies oder jenes gesprochen haben. Das gestrige Erlebnis tritt noch unmittelbar ins Traumleben ein. Aber wir haben mit diesem Menschen in lebendiger Weise von jemandem geredet, den wir vielleicht vor zehn Jahren und seitdem nicht wieder gesehen haben. Indem dieses Erlebnis sich in das Gespräch hineingesponnen hat, träumen wir von jenem Menschen allerlei herauf. Es werden eben die Träume nicht ordentlich studiert, sonst würde man diese Erlebnisse des Traumlebens kennen. Es ist nun bei den einzelnen Menschen verschieden. Der eine träumt nur, was am letzten Tage war; ein anderer träumt, was er am vorher vergangenen Tage erlebt hat; wieder ein anderer träumt, was drei, vier Tage vorher war. Und so weit diese Möglichkeit für den einzelnen individuellen Menschen besteht, so lange dauert der Zustand nach dem Tode, wo man noch in dem ätherischen Leibe ist. Ich könnte es auch anders charakterisieren und sagen: Es fällt die Länge dieser Zeit zusammen mit der Zeit, in welcher der Mensch nicht genötigt ist, zu schlafen, wo er es also aushalten kann, wach zu bleiben, durch Tage und Nächte hindurch, ohne zu schlafen. -— Der eine fällt schon in Schlaf, wenn er nur eine Nacht nicht geschlafen hat. Der andere kann es vertragen, zwei, drei oder vier Nächte hindurch zu wachen. Ebenso lange dauert dann das Erlebnis, wo der Mensch nach dem Tode noch in seinem Ätherleib ist.
Cite:
GA 215/1922-09-15/p022 · edition original