Das Erleben des Willensteils der Seele
Die Geisteswissenschaft ringt sich hinauf zu einer Erkenntnis aller dieser Verhältnisse, indem durch Willensübungen der Seele die Intuition hergestellt wird. Diese Intuition war in älteren Zeiten nach der Anweisung der damaligen Initiierten so hergestellt worden, daß der Mensch vorzugsweise durch Askese seinen äußeren physischen Organismus abtötete. Indem er seinen äußeren physischen Organismus abtötet und ablähmt, lebt der ja unabhängige Wille, der eigentlich sonst nur ein Begehren nach dem physischen Organismus auslebt, sich mit nur um so größerer Energie aus. Durch die Askese wird der physische Organismus so abgetötet, daß es dem Willen nun schwer wird, sich bei der Willensentfaltung hineinzubegeben in diesen physischen Organismus. Der Wille wird gleichsam zurückgetrieben, und je schwerer es ihm wird, sich in den physischen Organismus untertauchend hineinzuleben, um so mehr lebt er sich in die geistige Welt hinein und bildet Intuitionen aus. Das ist es, was durch die Askese hervorgerufen wurde. Aber diese alte Askese wird zu Unrecht in die neuere Zeit hinein fortgesetzt. Der menschliche physische Leib hat nach dem Mysterium von Golgatha eine Form angenommen, durch die er eine Askese nicht mehr vertragen würde, die erfolgreich wäre. Der neuere Mensch würde durch eine solche Askese zugleich seinen physischen Organismus so weit ablähmen, daß das Ich-Bewußtsein, das sich ja entwickeln muß, sich nicht in der richtigen Weise entwickeln könnte. Der Mensch würde dann nie zum Freiheitsbewußtsein kommen. Er würde auch nicht in einer richtigen Weise, in einer freien Weise sich mit dem Christus-Impuls verbinden können.
Cite:
GA 215/1922-09-15/p035 · edition original