{"corpus":"steiner","locus":"GA 216/1922-09-30/p029","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"So ist einmal die historische Entwickelung. Einstmals im alten Orient waren lebendige Begriffe. Ich habe Ihnen geschildert, wie zunächst durch die Umgestaltung, die Metamorphose des Atmungsprozesses diese lebendigen Begriffe zu einem Wahrnehmungsprozeß geworden waren. Die Menschen mußten sich zu den toten Begriffen hindurcharbeiten. Die Ägypter konnten es noch nicht. Sie bändigten sich heran zu den toten Begriffen, indem sie zunächst den Menschen selbst in seiner Torheit in der Mumie entwickelten. Jetzt aber sind wir in der Lage, daß wir den Begriff neu erwecken müssen. Und das kann nicht geschehen dadurch, daß wir nur alte okkulte Formen traditionell pflegen, sondern indem wir uns wirklich hineinleben, immer weiter und weiter nicht nur uns hineinfinden, sondern es ausbilden, was als erster Goethe als den Metamorphosegedanken gefaßt hat: den lebendigen Begriff. Wer den lebendigen Begriff, das heißt, die seelische Handhabe des Geistigen beherrscht, der ist auch imstande, aus dem Geiste heraus wiederum die äußere Handlung des Menschen zu beleben. Dann kommt es dahin, daß wirklich einmal erreicht werden kann, wovon ich öfter vor unseren anthroposophischen Freunden gesprochen habe, daß man sich nicht in einer solchen gleichgültigen materialistischen Weise an den Laboratoriumstisch oder an den Seziertisch stellt und da herumfuhrwerkt, sondern daß man empfindet, was man der Natur als ihre Geheimnisse ablauscht, als Taten des Geistes, der durch die Natur durchströmend sich betätigt: daß der Laboratoriumstisch zum Altar wird. Ehe nicht Verehrung, religiöses Empfinden in unsere Wissenschaft hineinkommt, solange eine abgesonderte Religion neben der Wissenschaft sich auftut und bloß dem menschlichen Egoismus dient, ehe nicht die Wissenschaft selber wiederum, was sie erforscht, verehren lernt — so wie die alten Mysterienschüler verehren gelernt haben, wie ich das in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» nachgewiesen habe -, eher kommen wir nicht wieder zu aufsteigenden Kräften in der Menschheit. Wir müssen wiederum alles Forschen als einen Verkehr mit der geistigen Welt begreifen lernen. Dann werden wir der Natur dasjenige ablauschen, was die Menschheit wirklich in ihrer Entwickelung weiterbringt. Und dann werden wir den Mumifizierungsprozeß, den die Menschheit einmal durchmachen mußte, im umgekehrten Sinne durchmachen. So wie der Ägypter den Leichnam des Menschen genommen hat, um ihn einzubalsamieren, so daß jetzt noch in einer, ich möchte sagen, fast schauererregenden Weise ganze Kolonien von Mumien geschaut werden können in den Museen, wohin sie die Europäer verschleppt haben, so wie da einstmals das Denken der Menschen in der Mumie erstarrt ist, so muß es in der Zukunft wieder erweckt werden. Der alte Ägypter nahm den menschlichen Leichnam, balsamierte ihn ein, konservierte den Tod. Wir müssen fühlen, daß wir den Seelentod in uns tragen, wenn wir die bloß abstrakten, intellektualistischen Gedanken haben. Wir müssen fühlen: Das ist die Seelenmumie. Wir müssen verstehen lernen, was noch als eine Ahnung in Paracelsus lebte, als er, wenn er eine gewisse Substanz aus dem menschlichen Organismus nahm, dies die «Mumie» nannte. Er sah in einem kleinen substantiellen Rest des Menschen die Mumie. Er brauchte nicht den einbalsamierten Leichnam, um die Mumie zu sehen, denn für ihn war die Mumie die Summe der Kräfte, die den Menschen in jedem Augenblick zum Tode bringen konnten, wenn er sich nicht in der Nacht wiederum belebte.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Siebenter Vortrag","site_heading":null,"date":"1922-09-30","location":null,"word_count":518,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/216/1922-09-30/p029","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/216/1922-09-30/p029"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/216/1922-09-30/p029","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}