Fünfter Vortrag

GA 217/1922-10-07/p005 ·1922-10-07 · original (original)
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Worauf beruht aber eigentlich diese Differenz? Um dies zu entdecken, wollen wir uns jetzt einmal in die Tiefen des menschlichen Seelenlebens hineinbegeben, wie es sich in unserer Zeit im Abendlande gestaltet hat. Man hat ja auch früher von moralischen Intuitionen gesprochen, indem man gesagt hat, die Menschen können als Wesensindividualität die Antriebe zum Handeln aus den 'Tiefen ihres Wesens heraufholen, unabhängig vom äußeren Leben. Aber schon seit dem ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts und immer stärker in den folgenden Jahrhunderten wurde alles das, was man in dieser Weise über die moralischen Intuitionen gesagt hatte, vom rein menschlichen Standpunkte aus immer weniger wahr. Denn die Menschen sagten zwar, Sittlichkeit könne nicht begründet werden durch Beobachtung äußerer Tatsachen; aber sie vernahmen nicht mehr etwas wirklich Lichtvolles, wenn sie in ihr eigenes Innere schauten. So behaupteten sie wohl, moralische Intuitionen seien da, aber sie wußten eigentlich nichts mehr davon. Alle solche Behauptungen waren schon seit Jahrhunderten von der Art, daß in ihnen das Denken, das vor dem fünfzehnten Jahrhundert der Menschheit eigen war, automatisch fortrollte und man noch Tatsachen behauptete, die früher ihre Berechtigung gehabt hatten, jetzt aber aufhörten, berechtigt zu sein.

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Cite: GA 217/1922-10-07/p005 · edition original