Fünfter Vortrag
Die Traditionen, von denen ich Ihnen in den vorangehenden Tagen gesprochen habe, und die durch Jahrhunderte noch fortdauerten, trugen das ihrige dazu bei, daß solche Behauptungen aufgestellt werden konnten. Vor dem fünfzehnten Jahrhundert sprach der Mensch nicht bloß in unbestimmter Weise von diesen Dingen — dieses unbestimmte Sprechen war schon das Unwahrhaftige —, sondern wenn er von Intuitionen, auch von moralischen Intuitionen sprach, so sprach er wie von etwas, das im Innern des Menschen aufstieg und von dem er ebenso eine Vorstellung hatte, als von einem Realen, Wirklichen, wie er eine Vorstellung von einem Wirklichen hatte, wenn er des Morgens nach dem Schlafe die Augen aufmachte und die Natur ansah. Draußen sah er die Natur, sah die Pflanzen, die Wolken. Wenn er in sein Inneres sah, so hatte er aufsteigend das Geistige, welches das Moralische, so wie er es dazumal als ein Gegebenes hatte, umfaßte. Je weiter wir zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, desto mehr finden wir, daß das reale Heraufsteigen eines inneren Daseins im menschlichen Erleben etwas Selbstverständliches ist. Wir können diese Tatsachen, die sich so, wie ich sie Ihnen eben erzählt habe, aus der Geisteswissenschaft ergeben, an gewissen äußeren Symptomen auch geschichtlich studieren. So tritt zum Beispiel in der Zeit, in der das Sprechen von einer inneren Realität immer mehr in Unwahrheiten gerät, der Gottesbeweis auf.
Cite:
GA 217/1922-10-07/p006 · edition original