Fünfter Vortrag

GA 217/1922-10-07/p007 ·1922-10-07 · original (original)
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Hätte man in den ersten Jahrhunderten der christlichen Geistesentwickelung von Gottesbeweisen gesprochen, wie Anselm von Canterbury es tat, so hätten die Menschen nicht gewußt, was damit gemeint ist. In noch früheren Zeiten hätten sie es noch weniger gewußt. Im zweiten, dritten Jahrhundert vor Christi Geburt von Gottesbeweisen zu sprechen, wäre so gewesen, wie wenn eine der hier in der ersten Reihe sitzenden Persönlichkeiten aufstünde und ich würde sagen: «Der Herr N.N. steht da!», und irgend jemand hier würde verlangen: «Nein, das muß erst bewiesen werden!» Das, was der Mensch als Göttliches empfand, war für ihn ein unmittelbares, vor seiner Seele stehendes Wesen. Er war behaftet mit der Wahrnehmungsfähigkeit für dasjenige, was er sein Göttliches nannte. Dieses Göttliche war in jenem geschichtlichen Zeitalter mehr oder weniger primitiv, unvollkommen für die Empfindung des heutigen Menschen. Die Menschen sind in diesem primitiven Zeitalter nicht weiter gekommen, als bis zu dem Punkte, den man da kannte. Aber von Beweisen hätten sie nichts hören wollen, denn das wäre ihnen absurd vorgekommen. Das Göttliche zu beweisen fing man erst in der Zeit an, als man es innerlich verloren hatte, als es nicht mehr da war für die innere geistige Anschauung. Das Aufkommen der Gottesbeweise muß, wenn man unbefangen die tatsächliche Welt in Betracht zieht, als ein Symptom dafür angesehen werden, daß das unmittelbare Anschauen des Göttlichen verlorengegangen war. Aber mit diesem Göttlichen waren zugleich die damaligen sittlichen Impulse verbunden. Man kann das, was damals sittliche Impulse waren, heute nicht mehr als solche ansehen. Aber für die damaligen Zeiten war es so. Als daher mit dem ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts die Anschauungsfähigkeit für das Göttlich-Geistige im alten Sinne versiegt war, da versiegte auch die unmittelbare Anschauung für das Sittliche und es blieb nur das traditionell Dogmatische vom Sittlichen übrig, das die Menschen dann so deuteten, daß sie es «Gewissen» nannten. Aber sie meinten damit immer etwas höchst Unbestimmtes.

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