Fünfter Vortrag
Nun ist es bei diesem Durchdringen so, daß sich für die Anschauung ganz konkret das Folgende ergibt. Ich habe Sie schon auf ein Bild hingewiesen, damit durch dasselbe verdeutlicht werde, was ich hier zu sagen habe. Wenn wir einen Leichnam ansehen, sagte ich, so wissen wir, daß er seine Form nicht durch die gewöhnlichen Naturkräfte haben kann, sondern er muß Rest sein des lebendigen Menschen. Es wäre eine Torheit, die Form des menschlichen Leibes als etwas an sich Lebendiges aufzufassen. Man muß auf das zurückgehen, was der lebendige Mensch war. So stellt sich aber auch das intellektualistische Denken, unbefangen betrachtet, als etwas’Totes vor uns hin. Natürlich werden die Menschen sagen: Beweise uns das! Es beweist sich eben in der Anschauung, und solche Beweise, die eigentlich nur für die Nebendinge da sind, lassen sich schon auffinden. Aber um das zu zeigen, müßte ich einige Kapitel Philosophie vortragen, was außerhalb der gegenwärtigen Aufgabe liegt. Aber für den, der unbefangen zusieht, stellt sich das intellektualistische Denken, aus dem unsere ganze heutige Zivilisation fließt, im Verhältnis zum lebendigen Denken so dar, wie sich der Leichnam zum lebendigen Menschen verhält. Wie der Leichnam vom lebendigen Menschen stammt, so stammt das, was ich heute an Denken habe, von einem lebendigen Denken, das ich in einer früheren Zeit hatte. Und bei gesundem Denken muß ich mir sagen: Dieses tote Denken muß abstammen von einem lebendigen, das vor der Geburt da war. Der physische Organismus ist das Grab des lebendigen Denkens, der Behälter des toten Denkens.
Cite:
GA 217/1922-10-07/p018 · edition original