Fünfter Vortrag

GA 217/1922-10-07/p019 ·1922-10-07 · original (original)
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Aber das Eigentümliche ist, daß man in den zwei ersten menschlichen Lebensepochen bis zum sechsten, siebenten, achten Jahre, bis zum Ende des Zahnwechsels, und weiter bis zum dreizehnten, vierzehnten, fünfzehnten Jahre, also bis zur Geschlechtsreife, sozusagen ein noch nicht ganz totes Denken hat. Da ist das Denken im Sterben. Gelebt hat es überhaupt nur im vorirdischen Dasein. In den ersten zwei Lebensepochen kommt es zum Sterben. Ganz tot wird es für den Menschen seit dem ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts eben mit der Geschlechtsreife. Es ist dann der Leichnam dessen, was eigentlich lebendiges Denken ist. Das war nicht immer so in der Menschheitsentwickelung. Wenn man hinter das fünfzehnte Jahrhundert zurückgeht, so zeigt sich, daß das Denken noch etwas Lebendiges gehabt hat, daß da noch jenes Denken vorhanden war, das die heutigen Menschen nicht leiden können, weil sie es so empfinden, wie wenn ihnen ein Ameisenhaufen im Gehirn herumkribbelte. Sie können es nicht leiden, wenn in ihnen etwas lebt. Sie wollen recht still und bequem in der Haltung ihres Kopfes sein können, und auch das Denken darinnen soll ruhig verlaufen, so daß man nur mit logischen Gesetzen etwas nachzuhelfen braucht. Aber reines Denken, das ist so, wie wenn ein Ameisenhaufen im Kopfe wäre, und das, sagen sie, ist nicht gesund. Im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts hat man das lebendige Denken noch vertragen. — Ich sage das nicht, um eine Kritik auszuüben. Es wäre auch unangemessen, ebenso unangemessen, wie wenn man an einer Kuh bemängelte, daß sie kein Kalb mehr ist. Es wäre zum größten Unheil für die Menschheit geworden, wenn es nicht so gekommen wäre. Es mußte Menschen geben, die diesen Ameisenhaufen im Kopfe nicht vertragen können. Denn das Tote mußte auf andere Weise wieder zum Leben gebracht werden.

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Cite: GA 217/1922-10-07/p019 · edition original