Fünfter Vortrag
Die Sache ist nun so, daß seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts die Menschen nach der Geschlechtsreife ein im wesentlichen totes Denken innerlich erlebten. Sie waren von dem Leichnam des Denkens ausgefüllt. Wenn Sie ganz ernsthaft diesen Gedanken fassen, dann wird es Ihnen begreiflich sein, daß erst seit jener Zeit eine richtige anorganische Naturwissenschaft entstehen konnte, weil da erst der Mensch anfing, rein anorganische Gesetze begreifen zu können. Erst jetzt konnte man das Tote so begreifen, wie es seit Galilei und Kopernikus angestrebt wird. Das Lebendige mußte erst innerlich sterben. Als man noch innerlich lebendig war im Denken, da konnte man das Tote nicht äußerlich begreifen, denn es teilte sich die lebendige Erkenntnisart dem Äußeren mit. Immer reiner wurde die Naturwissenschaft, und das ging so fort, bis sie am Ende des neunzehnten Jahrhunderts fast nur noch Mathematik war. Das war das Ideal, dem sie zustrebte: Phoronomie sollte sie werden, eine Art reiner Mechanik.
Cite:
GA 217/1922-10-07/p020 · edition original