Sechster Vortrag
Vielleicht verstehen wir uns noch besser, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, daß mit alledem die Grundempfindung zusammenhängt, die man dem Weltenrätsel gegenüber überhaupt hat. Sie wissen ja, daß in einer älteren Zeit diese Grundempfindung gegenüber dem Weltenrätsel mit dem paradigmatischen Wort ausgedrückt worden ist: «Mensch, erkenne dich selbst.» Es ist dieses Wort «Mensch, erkenne dich selbst» so ziemlich das einzige, welches auf das eigentliche Welträtsel in einer Art hindeutet, die gegenüber Einwänden standhält, die sich ergeben, wenn von einer Lösung des Weltenrätsels gesprochen wird. Ich will mich einmal in dieser Beziehung etwas paradox ausdrücken. Nehmen wir an, irgend jemand hätte etwas gefunden, was er eine Lösung des Weltenrätsels nennen kann. Was soll dann eigentlich die Menschheit von dem Zeitpunkte der Entwickelung an machen, wo dieses Welträtsel gelöst wäre? Sie würde alle Frische des Strebens verlieren, alle Lebendigkeit des Strebens würde ja aufhören! Es wäre eigentlich etwas außerordentlich Trostloses, sich sagen zu müssen, das Welträtsel sei erkenntnisgemäß gelöst, man brauche nur in dem einen oder anderen Buche nachzuschauen, da sei die Lösung gegeben.
Cite:
GA 217/1922-10-08/p007 · edition original