Sechster Vortrag
Wenn man sich die sittliche Entwickelung der Menschheit bis zu dem Zeitpunkte, wo sie problematisch geworden war, also bis zum ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts, vor die Seele stellt, so findet man, daß die mannigfaltigsten Antriebe in dem Menschen notwendig waren, um dasjenige zu befolgen, was ich gestern als gottgegebene Gebote charakterisiert habe. Wenn wir diese Antriebe, die bei den verschiedensten Völkerschaften in den verschiedensten Zeitaltern herrschend waren, vor unsere Seele stellen, finden wir eine große Reihe von inneren Impulsen, die sich alle dadurch ausdrücken, daß sie aus gewissen Lebensvoraussetzungen heraus wie Instinkte orientiert waren. Wir können die interessantesten Studien darüber machen, wie aus der Familie, aus dem Stamm, aus der Geschlechtsneigung, aus der Notwendigkeit, in äußeren Verbänden zusammenzuleben, aus der Verfolgung des Eigennutzes und so weiter die Impulse entstehen, die alten sittlichen Intuitionen zu befolgen.
Cite:
GA 217/1922-10-08/p012 · edition original