Sechster Vortrag
Sehen Sie, wie sich da die Zeiten spalten. Das sieht man am besten aus einer Gegenüberstellung dessen, was, ich möchte sagen, als das Atavistische der alten Zeit so vielfach in die Gegenwart herüberspielt, und was auf der anderen Seite wie ein erstes Morgenrot erst in uns lebt. Sie haben ja oftmals gehört von jenem schönen Wort, das Kant über die Pflicht niedergeschrieben hat: «Pflicht! Du erhabener großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst», und so weiter. Es war das Stärkste, was man an Charakteristik der Pflicht geben kann, an Charakteristik derjenigen Impulse, die eben hervorgehen aus dem, was ich vorhergehend geschildert habe. Da steht der Inhalt der Pflicht als eine von außen gegebene moralische Intuition da, und da steht auf der anderen Seite der Mensch dieser moralischen Intuition so gegenüber, daß er sich ihr zu unterwerfen hat. Sittlich wird es empfunden, wenn der Mensch so sich unterwirft, daß von einem inneren Wohlgefallen an der Befolgung der Pflicht nichts zu merken ist, sondern lediglich das Eisige da ist: Ich muß der Pflicht folgen.
Cite:
GA 217/1922-10-08/p016 · edition original