Ansprache während der Breslau-Koberwitzer Tagung in Koberwitz am 17. Juni 1924
Nun, es war unmöglich, weiterzukommen. Und gar erst, nachdem dieser Abgrund ist zwischen den Pensionierten und denjenigen, die nun nichts Rechtes mehr vom Doktorexamen, vom Abiturientenexamen hielten, nicht mehr diese Examen sehr stark respektierten, die sie nur noch gewohnheitsmäßig erwarben, und die sich auch nicht dasjenige einbildeten, was sich sehr stark in den siebziger, sechziger Jahren die Leute eingebildet hatten, daß man eigentlich die Sache so auffassen sollte, daß man die Menschen nicht in ihrem durchgeistigten Blute einherschreiten sehe, sondern sie irgendwo an der Wand zu hängen habe, eingerahmt als Zeugnis. Diese Gesinnung ist ja nun nicht mehr da. Und ich muß oftmals denken, wenn mir die heutige Jugend entgegenkommt, an einen alten Freund, den ich hatte. Ich hatte ihn kennengelernt, als er schon Ende der Fünfziger war; er hatte sich etwas erworben in einer kleinen Stadt; er war dann vierundsechzig Jahre alt und verband in merkwürdiger Weise dieses Alter mit seiner Jugend. Denn er hatte sich als achtzehnjähriger Mensch in ein Mädchen verliebt, sich auch mit diesem verlobt, und wollte es nun in seinem Alter heiraten. Aber die Kirche, in der seine Geburtsregister sich befanden, war abgebrannt, und so konnte er keinen Geburtsschein mehr erhalten und mußte auf die Heirat verzichten. Denn es war die Zeit, wo man irgendwo aufgeschrieben sein mußte, und man mußte dann durch die Registraturen sich überall Ausweise beschaffen, durch die man beweisen wollte, daß man da sei. Denn man sah nicht mehr darauf, daß man da ist, man sah nur darauf, daß es dasteht, daß man da ist.
Cite:
GA 217a/1924-06-17/p029 · edition original