Die Erlebnisse Des Menschen Im Ätherischen Kosmos
Mit anderen Worten, die gewöhnliche Erdenerkenntnis, die wir im Wachzustande fassen, wendet sich an unseren Verstand, weniger schon an unser Gefühl. Das ist nicht der Fall bei denjenigen Erkenntnissen, die wir im innerlichen Erleben aus der geistigen Welt heraus bekommen. Die nehmen unseren ganzen Menschen in Anspruch, ja, es wird unser ganzes Wesen anders organisiert, indem wir uns diese Erkenntnisse aneignen. Die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse wollen uns nicht, wie die physischen Erkenntnisse, kalt lassen in unserem Gemüt, aber sie sind indessen nicht weniger objektive Erkenntnisse. Wenn jemand etwa sagen würde: Erkenntnisse, die das Gemüt berühren, sind nicht objektiv, die sind ja subjektiv —, so braucht man sich nur folgendes vorzustellen: Wenn einer vor Raffaels Sixtinischer Madonna steht, so müßte das ja auch ein sonderbarer Kauz sein, wenn er vor diesem Bilde nicht in Bewunderung käme; aber keiner wird sagen können: Das ist bloß subjektiv, die Raffaelsche Madonna ist nicht objektiv. — Denn es handelt sich nicht darum, daß wir keine Sympathie- oder Antipathiekräfte regsam fühlen sollten im Gemüt, wenn wir auf Objektives hinschauen, sondern darum, daß nicht durch unser Subjektives das Objektive gestört wird. Wenn wir freilich etwas deshalb anerkennen, weil es uns paßt, irgend etwas objektiv zu nehmen, dann sind wir nicht objektiv, da wir in diesem Falle etwas annehmen, weil es uns gefällt. Aber wenn etwas so objektiv vor uns träte wie solche Erkenntnisse, und wir dann in Bewunderung darüber ausbrechen, dann würde diese Bewunderung ganz gewiß nicht die Objektivität der Erkenntnis beeinträchtigen. Das ist das Wesentliche an den anthroposophischen, geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen, daß sie nicht nur unseren Verstand, unseren Kopf, sondern unseren ganzen Menschen in Anspruch nehmen. Und wer immer mehr und mehr von solchen Wahrheiten kennenlernt, die sich auf das Leben des Menschen zwischen Tod und neuer Geburt ‚beziehen, dem sprießt ein Gefühlsleben auf und nachher auch ein Willensleben. Das heißt, der Mensch durchdringt die Impulse zu seinen Taten mit dem, was er erkennt aus den geistigen Welten heraus. Er fühlt sich hier auf der Erde als ein Erfüller dessen, was er im geistigen Leben zwischen Tod und neuer Geburt war.
Cite:
GA 218/1922-12-07/p028 · edition original