Die Erlebnisse des Menschen im ätherischen Kosmos
So wie der Mensch gewöhnlich lebt, hat er ja nur ein Gegenwartsbewußtsein. Er hat dieses Bewußtsein durch seinen physischen Leib. Der ist im Raume. Der Raum stellt die Gegenwart dar mit seinen drei Dimensionen. Der Mensch hat daher immer nur ein Gegenwartsbewußtsein. Und wenn er eine Erinnerung hat, so hat er eine Erinnerung von der Gegenwart; er lebt sich nicht hinein in das, was er etwa vor zehn Jahren erlebt hat, sondern nur in das Bild dessen, was er damals erlebte. Das ist daher genügend schattenhaft und abstrakt. Wenn man diejenigen Übungen ernsthaft macht, die ich in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» behufs Erlangung der imaginativen Erkenntnis beschrieben habe, so kommt man dazu, nicht bloß in der Gegenwart zu leben, sondern allmählich das Schattenhafte der Erinnerung zu überwinden und auch in seinen früheren Erlebnissen zu leben; so daß man im Jahre 1922 seine Erlebnisse etwa aus dem Jahre 1911 noch so mitzuleben vermag, wie man sie 1911 erlebt hat. Und wer sich insbesondere anstrengt mit einem Leben in Gedanken das ist nicht ein Leben in Abstraktheiten, sondern in einem vollen Konkreten, durch das man in die Lage kommt, zu erfassen, wie das Leben in Gedanken Schicksalswendungen und alles mögliche bringt, tiefe Sympathie und Antipathie, wie sonst nur das derbe materielle Erdenieben -, der gelangt eben auch dazu, seinen Zeitleib zu erleben, wie er seinen Raumleib überhaupt durch das gewöhnliche Bewußtsein erlebt. Wenn ich mich zum Beispiel in die große Zehe schneide, tut mir diese wehe, und ich habe im Kopfe nicht nur eine Erinnerung dieses Wehtuns, weil der Kopf von der großen Zehe weit entfernt ist, sondern ich habe ein unmittelbar erlebtes Schmerzempfinden. Gewiß, der Kopf ist räumlich mit der großen Zehe verbunden, die Zeit erlebt man so nicht. Wenn man als dreißigjähriger Mensch an das zurückdenkt, was man als siebzehnjähriger erlebte, von dem man sich jetzt zeitlich entfernt hat, so ist das abgeblaßt. Wie gewaltig war, wenn Sie vor dreizehn Jahren einen lieben Menschen verloren haben, das Schmerzerlebnis damals gegenüber der heutigen Erinnerung. Aber wer durch die Übungen, wie sie in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben sind, diese imaginative Erkenntnis erlangt hat, so daß er versteht, in Gedanken zu leben, namentlich in reinen, sinnlichkeitsfreien Gedanken zu leben, wie ich es in der «Philosophie der Freiheit» geschildert habe, der lebt dann, wie er hier im Raumleib in jedem Teile lebt, so dort in jedem Teile seines Zeitenleibes gleichzeitig und in jeder Stärke. Man sieht, wenn man sich als fünfzig- oder sechzigjähriger Mensch zurückversetzt oder auch als ein achtzigjähriger, nicht nur fünf Jahre zurück — denn es dehnt sich das gegenwärtige Dasein über den ganzen Lebenslauf aus —: Man ist in jedem einzelnen Punkte unmittelbar gegenwärtig. Allerdings erkauft man diese Gegenwärtigkeit mit der Flüchtigkeit. Wenn Sie imstande sind, in noch so lebendiger Weise ein Erlebnis zu haben mit etwas, was in Ihr achtzehntes Jahr fällt: es entschwindet Ihnen zwar nicht so schnell wie ein "Traum, aber Sie können es nicht halten, Sie müssen es vergessen. Und als Geistesforscher könnte man zum Beispiel, wenn es nicht andere Hilfen gäbe, in eine sehr üble Lage kommen. Man könnte die Beziehungen herstellen, durch die man etwas in der ätherischen Welt sehen kann, aber man vergißt es sogleich. Daher muß man auch zu allerlei Hilfen greifen - Einzelheiten darüber habe ich in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» angeführt —, damit dasjenige nicht gleich wieder entschwindet, was man sich auf diese Weise als ein geistig-ätherisches Anschauen erwirbt. Es verschwindet mit großer Sicherheit nach ein paar Tagen, und was der Mensch als seinen Ätherleib noch an sich trägt nach dem Tode, das verschwindet ebenso schnell.
Cite:
GA 218/1922-12-07/p031 · edition original