Der Mensch Und Die Übersinnlichen Welten Hören, Sprechen, Singen, Gehen, Denken
Sie sehen daraus also, daß schon das imaginative Denken sich an den ganzen Menschen richtet, und daß der ganze Mensch leben muß in einer solchen imaginativen Erkenntnis. Das ist bei den höheren Erkenntnissen noch viel mehr der Fall. Nun brauchen Sie sich nicht zu verwundern, daß dann auch eine solche Erkenntnis den ganzen Menschen anspricht. Aber man merkt dann auch, daß in der Welt eben noch vieles andere ist als dasjenige, was für die äußeren Sinne wahrnehmbar ist. Und man merkt vor allen Dingen, wie es möglich ist, in einer Welt zu leben, in der der Raum keine Bedeutung mehr hat. Das Musikalische ist schon ein Vorgeschmack, möchte ich sagen, für das Unräumliche. Denn das Räumliche ist ja draußen eigentlich, sagen wir, äußerlich vorhanden. Aber im Innerlichen, in dem, was durch das Musikalische eigentlich realisiert wird, da spielt ja das Räumliche höchstens im-Nachklang eine Rolle. Aber bei der imaginativen Erkenntnis hört nach und nach das Räumliche ganz auf. Es wird alles zeitlich. Das Zeitliche im Imaginativen hat da die Bedeutung wie das Räumliche im Physischen. Und das führt jetzt zu etwas anderem. Das führt dazu, einzusehen, daß das Zeitliche ein Bleibendes eigentlich ist. Das Zeitliche ist wirklich ein Bleibendes. Und der, der zur imaginativen Erkenntnis aufsteigt, der lernt eben allmählich zunächst in jedem Punkte seines gewesenen Erdenseins wahrzunehmen. Man wird wiederum achtzehnjährig, wenn man schon ein ganz alter Kerl ist. Man nimmt die Jugend mit derselben Lebendigkeit wahr, wie man sie als Achtzehnjähriger wahrnimmt. Ich meine so: nehmen Sie an, Sie haben, als Sie achtzehn Jahre alt waren, eine Ihnen nahestehende Persönlichkeit verloren. Denken Sie, wie lebendig es war, was Sie erlebt haben dabei. Denken Sie, wie blaß das ist in der Erinnerung nach dreißig Jahren, es braucht nicht dreißig Jahre zu sein; es wird blaß, Selbst beim gefühlvollsten Menschen wird es blaß. Es muß auch im äußeren Erdenleben so sein. Aber deshalb, weil das verglimmt in der späteren Gegenwart, bleibt es dennoch vorhanden als wirkliches Glied der menschlichen Wesenheit. Und man kann sich in der Tat wieder zurück versetzen und man wird auch zurückversetzt nach dem Tode. Da erlebt man dasselbe mit derselben Intensität wieder. Das gehört zum Menschen: was er durchgemacht bat, bleibt, ist nur für die Anschauung ein Vergangenes. Daher hat es auch seine Bedeutung.
Cite:
GA 218/1922-12-09/p022 · edition original