Zweiter Vortrag
Das ist aber nur die eine Seite in der Entfaltung der Pflanzenwelt. Das physische Erkennen sagt uns, daß diese Entfaltung der Pflanzenwelt im Frühling, ihr Verwelken gegen den Herbst zu, mit der Sonne zusammenhängen. Das physische Erkennen zeigt uns auch, wie zum Beispiel der grüne Farbstoff der Pflanzenwelt sich allein unter dem Einfluß des Sonnenlichtes bilden kann. Was also sich innerhalb der physischen Wirkung vollzieht, das zeigt uns das physische Erkennen; nicht aber zeigt es uns, daß, während sich das alles abspielt: Hervorsprießen, Grünen, Blühen, Verwelken der Pflanzen — auch Geistiges vorgeht. Aber geradeso wie in dem physischen Menschenorganismus sich zum Beispiel der Blutkreislauf vollzieht, wie sich die ätherischen Vorgänge im physischen Organismus als Gefäßwirkungen und so weiter äußern, und wie doch dieser physische Menschenorganismus durchzogen ist von dem Seelisch-Geistigen, so sind auch die Vorgänge, welche sich in dem Sprießen, Grünwerden, Blühen, Verwelken der Pflanzen abspielen und die wir als physische Vorgänge beobachten, überall durchsetzt und durchzogen von geistigen und seelischen Weltenwirkungen. Und wie wir, wenn wir das Antlitz eines Menschen sehen — wenn sein Blick auf uns fällt, sein Mienenspiel, vielleicht die Rötung seines Gesichtes sich uns zeigt -, dann nach unserem Zusammenleben mit der übrigen Menschenwelt gar nicht anders können, als gewissermaßen durch das Physische durch auf das Seelische, auf das Geistige unseren seelischen Blick zu richten, so sollen wir uns angewöhnen, auch in dem, was da in der — wenn ich so sagen darf Physiognomie und Färbungsänderung der Pflanzendecke unserer Erde vor sich geht, ein Geistig-Seelisches zu sehen.
Cite:
GA 219/1922-12-01/p010 · edition original