Vierter Vortrag

GA 219/1922-12-15/p010 ·1922-12-15 · original (original)
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Unter den Göttern eignen wir uns im vorirdischen Dasein die Gabe an, hinzusehen auf den andern Menschen, aufzumerken, wie er fühlt, wie er denkt, aufzufassen mit innerem Anteil das, was er ist. Und hätten wir nicht - man kann es so nennen - den geschilderten Umgang mit den Göttern, wir würden auf der Erde niemals jenes Hineinschauen in den andern Menschen entfalten können, das allein im Grunde genommen das irdische Leben möglich macht. Sie müssen sogar, wenn ich in diesem Zusammenhange von Liebe und namentlich allgemeiner Menschenliebe spreche, an die Liebe in dieser konkreten Bedeutung denken, wie ich sie eben geschildert habe: in der Bedeutung eines wirklich innigen Verständnisses des andern Menschen. Und wenn man zu der allgemeinen Menschenliebe dieses Verständnis des andern Menschen nimmt, dann hat man zu gleicher Zeit mit dem gegeben alles das, was menschliche Moralität ist. Denn die irdische menschliche Moralität beruht, wenn sie sich nicht in bloßen Phrasen oder schönen Redereien bewegt oder in Vorsätzen, die nicht ausgeführt werden oder dergleichen, auf dem Interesse, das der eine Mensch am andern nimmt, auf der Möglichkeit, in den andern Menschen hinüberzuschauen.

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Cite: GA 219/1922-12-15/p010 · edition original