Siebenter Vortrag
Es war von jeher das Bestreben innerhalb der geisteswissenschaftlichen Forschung, solche Methoden ausfindig zu machen, durch die der Mensch sich wirklich selbst erkennen kann, und Sie wissen aus den verschiedensten Vorträgen, die ich gehalten habe, daß ich mit dieser Selbsterkenntnis nicht jenes allgemeine Hineinbrüten in das alltägliche Selbst meine, denn dadurch erfährt man doch von nichts anderem als von einer Art Reflexbild der äußeren Welt. Man lernt gewissermaßen nichts Neues kennen. Man lernt nur wie im Spiegel kennen, was man mit der sinnlichen Außenwelt erlebt hat. Wirkliche Selbsterkenntnis muß, wie Sie wissen, nach Methoden sinnen, welche nicht nur die gewöhnliche irdische Außenwelt zum Schweigen bringen, sondern welche auch das gewöhnliche alltägliche seelische Innere — das auch nichts anderes ist, insofern es im wirklichen Bewußtsein vorhanden ist, als ein Spiegelbild der Außenwelt -— zum Schweigen bringen. Und durch diejenigen Methoden, die Sie geschildert finden in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», wissen Sie, daß die Geistesforschung zunächst zur sogenannten imaginativen Erkenntnis vorschreitet. Wer zu solcher imaginativen Erkenntnis vorschreitet, hat allerdings zunächst alles das aus der übersinnlichen Welt vor sich, was sich in die Bilder der imaginativen Erkenntnis kleiden kann. Aber wenn er sich die seelische Praxis erworben hat, um überhaupt imaginativ die Welt anschauen zu können, dann ist er in der Lage, gerade dasjenige zu verfolgen, was in den menschlichen Sinnesorganen sich abspielt. Man würde das, was sich in den Sinnesorganen abspielt, nicht verfolgen können, wenn überhaupt nur dann etwas in den Sinnesorganen vorginge, wenn man durch sie die Außenwelt wahrnimmt.
Cite:
GA 219/1922-12-22/p004 · edition original