Erster Vortrag
Bedenken Sie, daß ja fast vier Jahrhunderte vergangen waren seit dem Mysterium von Golgatha, in denen eine große Anzahl gutorganisierter Menschen durch das, was ich eben gesagt habe, keinen rechten Begriff damit verbinden konnten: Der Christus ist auf der Erde erschienen. — Für sie war das, was in Palästina vor sich gegangen war, ein unbedeutendes Ereignis, ein so unbedeutendes Ereignis, wie es tatsächlich für jene römischen Schriftsteller war, die das in nebensächlicher Erwähnung aufgeschrieben haben. Es war eben eine unbedeutende Persönlichkeit, die unter merkwürdigen Umstanden den Tod gefunden hatte. Denn das ganze tiefe Mysterium wurde gerade von diesen Menschen nicht begriffen. Im Grunde genommen kann man sagen: Diese Menschen brauchten ja nicht den Christus auf Erden, denn sie hatten ihn noch in der alten Weise in den Himmeln. Für sie war er noch derjenige Geist des Weltenalls, der im Lichte wirkte. Für sie war er der allumfassende Erleuchter der Menschheit. Für sie war noch kein Bedürfnis da, hineinzublikken in den Menschen und ihn im Ich zu suchen.
Cite:
GA 220/1923-01-05/p008 · edition original