III. Der Nachtmensch und der Tagesmensch. In Das Reine Denken Kann Das Ich-Wesen Hineingeschoben Werden
Nun ist es heute bei dem Menschen anders geworden, und darin besteht gerade der allerwichtigste Impuls in der Menschheitsentwickelung. Was der Mensch in alten Zeiten nach dem Tode durchgemacht hat, daß er ein denkendes Wesen für sich geworden ist, daß er ein freies Wesen für sich geworden ist, das muß der Mensch heute in der Zeit finden, die zwischen der Geburt und dem Tode liegt. Aber wie findet er es da? Er findet zunächst seine Gedanken, wenn er Selbsterkenntnis übt. Aber nun haben wir die ganze Zeit her, in der wir uns von einem gewissen Gesichtspunkte aus mit dem Wesen des Menschen beschäftigt haben, gefunden: diese Gedanken, namentlich die Gedanken, die der Mensch seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts, seit der Zeit des Nikolaus Cusanus entwickelt, sind eigentlich als Gedanken tot, sie sind Leichname. Dasjenige, was lebte, lebte im vorirdischen Dasein. Bevor der Mensch als seelisch-geistiges Wesen heruntergestiegen ist auf die Erde, war er in einem geistigen Leben. Dieses geistige Leben ist mit dem Erdenantritt gestorben, und das Gestorbene erlebt er in sich als sein Denken. Das erste, was der Mensch erkennen muß, ist, daß er zwar in der neueren Zeit zu einer wirklichen Selbsterkenntnis kommen kann, zu einer Erkenntnis seiner selbst als eines geistig-seelischen Wesens, daß aber das, was sich dieser Selbsterkenntnis ergibt, ein Totes, ein geistig Leichnamhaftes ist und daß eben in dieses Tote, in dieses geistig Leichnamhafte hineinfließen muß dasjenige, was aus dem Willen kommt, aus jenem Willen, von dem ich gestern gesagt habe, daß er vom Einschlafen bis zum Aufwachen eigentlich im Nichts drinnen, verankert im astralischen Leibe und in dem Ich ist. Das Ich muß hineinschießen in die toten Gedanken und muß sie beleben.
Cite:
GA 221/1923-02-04/p008 · edition original