III. Der Nachtmensch und der Tagesmensch. In Das Reine Denken Kann Das Ich-Wesen Hineingeschoben Werden
Für die Gegenwart ist dem Menschen vielfach diese Sehnsucht nach der Beruhigung geblieben, und er fühlt sich dann wohl, wenn ihm alte Einweihungsprinzipien aufgewärmt werden und er wiederum zu ihnen hingeführt wird. Aber es entspricht das nicht mehr der Wesenheit des modernen Menschen. Der moderne Mensch kann nur dadurch an die Einweihung herankommen, daß er sich mit aller Tiefe und mit aller Intensität sagt: Wenn ich in mich selbst hineinschaue, finde ich mein Denken. Aber dieses Denken ist tot. Ich brauche den Tod nicht mehr zu suchen. Ich trage ihn in meinem geistig-seelischen Wesen in mir. - Während also hingeführt werden mußte der alte Einzuweihende bis zu der Stufe, wo er den Tod erlebte, müßte sich der moderne Einzuweihende immer mehr und mehr klarmachen: Ich habe ja in meinem seelisch-geistigen Leben den Tod. Ich trage ihn ja in mir. Ich brauche ihn nicht zu suchen. Ich muß im Gegenteil aus einem innerlich willensmäßig-schöpferischen Prinzip heraus die toten Gedanken beleben. - Und auf dieses Beleben der toten Gedanken zielt alles hin, was ich dargestellt habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? », auf dieses Einschlagen des Willens in das innere Seelenleben, damit der Mensch aufwache. Denn während das alte Einweihen eine Art Einschläfern sein mußte, muß das neue Einweihen eine Art Aufwecken sein. Es muß dasjenige, was der Mensch unbewußt während des Schlafes durchlebt, hereingetragen werden gerade ins intimste Seelenleben. Es muß der Mensch durch Aktivität dazu gelangen, sich innerlich aufzuwecken.
Cite:
GA 221/1923-02-04/p010 · edition original