Siebenter Vortrag
Der urpersische Mensch fühlte sich mit seiner eigenen Seele noch dadrinnen. Der hätte nicht sagen können: Der Zeus lebt in den Wolken oder im Lichte -, sondern er hätte gesagt: Der Zeus lebt in mir -, weil er seine Seele im Bereiche der Wolken, im Bereiche der Lüfte fühlte. Der Grieche war der erste Mensch in der nachatlantischen Zeit, der sich ganz — und es kam das auch erst langsam und allmählich heran - als Erdenmensch fühlte: Daher ging in der griechisch-lateinischen Zeit auch zuerst zugrunde das Sich-Zusammenfühlen mit dem vorirdischen Dasein. In allen drei älteren nachatlantischen Zivilisationsepochen haben die Menschen stark ihren Zusammenhang mit dem vorirdischen Dasein gefühlt. Da hätte man ihnen kein Dogma machen dürfen darüber, daß es keine Präexistenz gibt. Man kann auch solche Dogmen nur machen, wenn man Aussicht darauf hat, daß die Menschen sie annehmen. Man muß dann nur so klug sein, dasjenige gerade als Dogma aufzustellen, wofür eine Menge von Menschen durch die menschliche Entwickelung präpariert sind. Aber die Griechen haben allmählich aus dem menschlichen Fühlen und Empfinden heraus das vorirdische Dasein verloren, und sie fühlten sich ganz als Erdenmenschen. Sie fühlten sich allerdings so als Erdenmenschen, wie ich das in früheren Vorträgen beschrieben habe, daß sie sich noch durchsetzt fühlten von Göttlich-Geistigem, aber doch eben durchaus in Verbindung mit alldem, was auf Erden allein lebt.
Cite:
GA 222/1923-03-23/p026 · edition original