Erster Vortrag
So lieferte jenes gewaltige Bild vom Michael und dem Drachen für jene Zeiten noch ein Stück Menschenerkenntnis. Wollte man noch für das 18. Jahrhundert die der damaligen Zeit entsprechende Anthroposophie hinstellen, dann müßte man davon sprechen, daß im Menschen, insofern er die äußere Natur durch Ernähren, Eratmen und Wahrnehmen in sich hereinnimmt, die Stätte für den Drachen geschaffen wird. Der Drache wohnt in der menschlichen Natur. Ich möchte sagen, so genau lebte das in den Gemütern der Menschen des 18. Jahrhunderts noch, daß man sich ganz gut vorstellen könnte, solche Menschen des 18. Jahrhunderts hätten vielleicht irgendein Seherwesen auf einen fremden Weltenkörper verpflanzt und es die Erde aufzeichnen lassen. Da würde dieses Seherwesen die Erde so gezeichnet haben, daß alles, was im Mineralischen, Pflanzlichen, Tierischen, kurz, im Außermenschlichen lebte, drachenfrei gezeichnet worden wäre, daß dagegen sich der Drache geschlungen hätte durch die animalische Wesenhaftigkeit des Menschen und damit ein Erdenwesen dargestellt hätte. Damit aber war die Situation für jene Menschen auch noch des 18. Jahrhunderts eine andere geworden gegenüber der Situation, aus der das Ganze in der vormenschlichen Zeit hervorgegangen ist. Für die vormenschliche Zeit mußte man den Drachenstreit des Michael sozusagen ins Objektiv-Äußerliche verlegen. Jetzt aber war der Drache nirgendwo äußerlich zu finden. Wo war denn der Drache, wo mußte man ihn suchen? Überall, wo Menschen auf der Erde sind! Da war er. Wollte also jetzt Michael seine Mission fortsetzen, die er in der vormenschlichen Zeit in der objektiven Natur gehabt hat, wo er den Drachen äußerlich als das Weltengetier zu besiegen hatte, so mußte er jetzt seinen Kampf im Inneren der Menschennatur verrichten. Es wurde der Streit Michaels - schon seit langen Zeiten, seit dem grauen Altertum, aber eben bis zum 18. Jahrhundert - in das Innere des Menschen verlegt. Doch diejenigen, die so sprachen, wußten, daß sie nun in das Innere des Menschen ein Ereignis verlegt hatten, das früher ein kosmisches Ereignis war. Und sie sagten etwa: Schauet hin in uralte Zeiten. Da muß man sich vorstellen, daß damals der Drache durch Michael vom Himmel auf die Erde verstoßen wurde, ein Ereignis, das sich in den außermenschlichen Welten abspielte. Und schauet hin auf die neuere Zeit. Da muß man sich denken, wie der Mensch auf die Erde kommt, wie er die äußere Natur in sich hereinnimmt, sie umgestaltet, so daß der Drache von ihr Besitz ergreifen kann. Und man muß den Drachenkampf des Michael von da an auf die Erde verlegen.
Cite:
GA 223/1923-09-27/p019 · edition original