Zweiter Vortrag

GA 223/1923-09-28/p004 ·1923-09-28 · original (original)
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Wenn wir das Verhältnis des Menschen zur Natur und zur ganzen Welt ins Auge fassen, das der Mensch heute hat, so werden wir sagen können, wenn wir nur unbefangen genug dieses heutige Verhältnis mit dem Verhältnis der früheren Zeiten vergleichen können: Der Mensch ist eigentlich im Grunde genommen heute ein wahrer Einsiedler gegenüber den kosmischen Mächten geworden, ein Einsiedler insofern, als er durch seine Geburt in das physische Dasein hereingeführt wird und nicht mehr jene Erinnerungen an das vorirdische Dasein hat, die wirklich einmal die ganze Menschheit hatte. In der Zeit, in welcher der Mensch sonst nur zum Gebrauche seiner Verstandes- und Gedächtniskräfte erwächst, bis zu welcher man sich im Erdenleben zurückerinnert, hatte einmal in der ganzen Menschheit der Mensch in den älteren Epochen der Menschheitsentwickelung zugleich das Aufleuchten einer wirklichen Erinnerung, eines wirklichen Zurückschauens an vorirdische Erlebnisse, an Erlebnisse, die er als geistig-seelisches Wesen vor seinem Erdenleben durchgemacht hat. Das ist das eine, was den Menschen gewissermaßen zum Welteneinsiedler heute macht, daß er sich nicht bewußt ist, wie sein irdisches Dasein an ein Geistdasein angeschlossen ist. Das andere ist dieses, daß der Mensch heute seinen Blick hinausrichtet in die Weiten des Kosmos, daß er die äußeren Gestalten der Sterne und Sternbilder schaut, daß er aber ein inneres geistiges Verhältnis zu dem Geistigen im Kosmos nicht mehr hat. Ja, man kann auch weiter gehen. Der Mensch richtet heute seinen Blick auf die Reiche der Natur, die ihn auf der Erde umgeben, auf die mannigfaltige Schönheit der Pflanzen, auf das Gigantische der Berge, auf die ziehenden Wolken und so weiter; allein auch da muß er sich auf dasjenige beschränken, was Eindruck macht auf seine Sinne, er fürchtet sich sogar sehr häufig, wenn er eine intimere, tiefere Beziehung zu den Weiten der Natur bekommt, daß ihm die naive Anschauung der Natur verlorengehen könne. Aber so notwendig diese Entwickelungsphase der Menschheit dazu war, daß der Mensch dasjenige entwickele, was wir im Bewußtsein der Freiheit, im Freiheitsgefühl erleben, so notwendig das für den Menschen war, um zu seinem vollen Selbstbewußtsein zu kommen, zu jener inneren Stärke, die das Ich mit voller Kraft im Menschen sich aufrichten läßt, so notwendig, wie gesagt, dieses Einsiedlerleben des Menschen im Kosmos war: es darf nur ein Übergang sein zu einer andern Epoche, in welcher der Mensch wiederum den Weg zurückfindet zu dem Geistigen, das allen Dingen und Wesenheiten denn doch zugrunde liegt. Und gerade dieses Zurückfinden zum Geistigen muß durch diejenige Kraft erreicht werden, die dem Menschen werden kann, wenn er die Michael-Idee in ihrer wahren Gestalt und in derjenigen Gestalt, die sie für unsere Zeit annehmen muß, im rechten Sinne ergreifen kann.

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Cite: GA 223/1923-09-28/p004 · edition original