Zweiter Vortrag
Sie werden ohne Zweifel zugestehen, daß von diesem Vertrauen, von diesem aktiven Vertrauen in den Geist im Laufe der letzten Jahrhunderte, ja des letzten Jahrtausends der Menschheit unendlich viel dahingeschwunden ist, daß es eigentlich heute für die meisten Menschen so ist, daß gar nicht aus dem Leben die Zumutung an sie herantritt, ein solches Vertrauen zu entwickeln. Das aber ist es, was kommen mußte. Denn was sage ich damit eigentlich, indem ich dieses ausspreche? Ich sage: Im Grunde genommen hat der Mensch die Brücke zur Michael-Kraft hinter sich abgebrochen. Aber in der Welt hat sich mittlerweile manches ereignet. Der Mensch ist gewissermaßen von der Michael-Kraft abgefallen; der starre und straffe Materialismus des 19. Jahrhunderts ist ja ein Abfall von der Michael-Kraft. Aber im Objektiven, im äußeren Geistigen hat die Michael-Kraft gesiegt, hat gerade im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gesiegt. Dasjenige, was der Drache hat erreichen wollen, durch die menschliche Entwickelung hat erreichen wollen, das wird nicht erreicht werden. Aber das andere Große steht heute vor der menschlichen Seele, daß der Mensch aus eigenem, freiem Entschluß den Sieg des Michael über den Drachen wird mitmachen müssen. Das aber bedingt, daß der Mensch wirklich die Möglichkeit findet, aus jener Passivität des Verhältnisses zum Geistigen, in dem er heute so vielfach ist, herauszutreten und in ein aktives Verhältnis zum Geistigen zu kommen. Die Michael-Kräfte lassen sich nicht erringen — auch nicht durch das passive Gebet durch irgendeine Art von Passivität. Die Michael-Kräfte lassen sich einzig und allein dadurch erringen, daß der Mensch mit seinem liebevollen Willen sich zum Werkzeug für die göttlich-geistigen Kräfte macht. Denn die Michael-Kräfte wollen nicht, daß der Mensch zu ihnen fleht, sie wollen, daß der Mensch sich mit ihnen verbündet. Das kann der Mensch, wenn er mit innerer Energie die Lehren von der geistigen Welt aufnimmt.
Cite:
GA 223/1923-09-28/p023 · edition original