Dritter Vortrag
Nun habe ich gestern im öffentlichen Vortrage gesagt, daß das Herz des Menschen eigentlich ein unterbewußtes Sinnesorgan ist. Der Kopf nimmt unterbewußt durch das Herz wahr, was in den physischen Funktionen des Unterleibes und der Brust vorgeht. So wie wir durch das Auge die äußeren Vorgänge in der Sinneswelt wahrnehmen, so ist das Herz des Menschen in Wirklichkeit ein Sinnesorgan mit Bezug auf die angegebenen Funktionen. Der Kopf - namentlich macht es das Kleinhirn - nimmt unterbewußt durch das Herz wahr, wie das Blut sich mit den verarbeiteten Nahrungsmitteln speist, wie die Nieren, die Leber und so weiter funktionieren, was da alles im Organismus vorgeht. Dafür ist für das Obere des Menschen das Herz das Sinnesorgan. Dieses Herz nun als Sinnesorgan zu einer gewissen Bewußtheit heraufzuheben, bildete die Schulung desjenigen, der beim Mithraskult beschäftigt werden sollte. Er mußte eine feine, bewußte Empfindung dafür bekommen, was im menschlichen Organismus in Leber, Nieren, Milz und so weiter vorgeht. Der obere Mensch, der Kopfmensch mußte fein empfinden, was im Brust- und Gliedmaßenmenschen vorgeht. Eine solche Schulung in den älteren Zeiten war nicht eine Verstandesschulung, wie wit sie heute gewohnt sind, sondern eine Schulung des ganzen Menschen, die vorzugsweise auf das Gefühlsvermögen ging. Und wenn dann der Schüler die nötige Reife erlangt hatte, konnte er sagen, so wie wir auf Grund der Wahrnehmung durch äußere Augen sagen, da sind Regenwolken, oder da ist blauer Himmel: Jetzt ist diese Verarbeitungsart in meinem Organismus, jetzt jene Verarbeitungsatt.
Cite:
GA 223/1923-09-30/p022 · edition original