Dritter Vortrag

GA 223/1923-09-30/p026 ·1923-09-30 · original (original)
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Erst wenn man sich diese Grundlagen schafft, bekommt man die richtige Seelenverfassung für das Hinausgehen der Erkenntnis von der Erde in den Weltenraum; nicht mehr hinaufzuschauen in der Art, wie man es gewöhnlich macht, zu Merkur, Venus, Saturn und so weiter, indem man bloß die abstrakte Rechnerei oder das Spektroskop gebraucht, sondern diejenigen Mittel dann anzuwenden, die in Imagination, Inspiration und Intuition liegen. Da kommt man dann allerdings dazu, schon von der Imagination an, daß die Himmelskörper etwas ganz anderes werden, als wie sie teilweise durch sinnliche Anschauung, teilweise aber auch nur durch Schlüsse sich der heutigen Astronomie darstellen. Dem heutigen Astronomen stellt sich der Mond zum Beispiel als irgendein schon alt gewordener mineralischer Himmelskörper dar, der wie eine Art Spiegel das Sonnenlicht zurückwirft, das dann unter gewissen Verhältnissen auf die Erde fällt. Um die Wirkungen dieses Sonnenlichtes überhaupt kümmert man sich dann nicht gerade sehr viel. Eine Zeitlang hat man die Dinge auf das Wetter angewendet. Allein an die Beziehungen der Mondphasen zum Wetter haben die ganz Gescheiten des 19. Jahrhunderts selbstverständlich nicht geglaubt; die einen kleinen mystischen Anflug in ihrer Seele hatten, wie zum Beispiel Gustav Theodor Fechner, hatten es aber geglaubt. Ich habe schon öfter in unseren Kreisen die Geschichte erzählt, wie an einer Universität zusammen gewirkt haben Schleiden, der große Botaniker des 19. Jahrhunderts, und Gustav Theodor Fechner, und wie Schleiden es selbstverständlich als einen Aberglauben hingestellt hat, daß Fechner sorgfältig statistisch nebeneinandergestellt hat, wieviel Regenwasser die Vollmondtage und wieviel die Neumondtage ergeben. Für den Professor Schleiden war das, was in bezug auf die Mondwirkungen für das Wetter Gustav Theodor Fechner sagte, ein purer Aberglaube. Aber nun trug sich einmal folgendes zu. Die beiden Professoren hatten auch Frauen, und damals war es in Leipzig noch so, daß man für die Wäsche das Regenwasser sammelte; man stellte dazu Fässer auf, in denen man es sammelte. So sammelten natürlich auch die Frau Professor Fechner und ebenso die Frau Professor Schleiden ihr Regenwasser in solchen Fässern. Wenn es mit natürlichen Dingen zugegangen wäre, dann hätte eigentlich die Frau Professor Schleiden sagen müssen: Es ist eine Dummheit, sich darum zu bekümmern, was für einen Einfluß die Mondphasen auf die Menge des Regenwassers haben. — Aber trotzdem es der Herr Professor Schleiden als eine Dummheit bezeichnete, darüber ernste Erwägungen anzustellen, kam die Frau Professor Schleiden in einen furchtbaren Streit mit der Frau Professor Fechner darüber, daß beide Frauen gleichzeitig an der gleichen Stelle ihre Fässer für das Regenwasser aufstellen wollten. Die Frauen wußten aus ihrer Lebenspraxis heraus, was es mit dem Regenwasser auf sich hat, während die Männer auf ihren Kathedern sich ganz anders gebärdeten.

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Cite: GA 223/1923-09-30/p026 · edition original