Wiedergewinnung des lebendigen Sprachquells durch den Christus-Impuls
Es war ja eigentlich ein außerordentlich tiefes Gefühl, aus dem heraus Alerman Grimm, der Kunsthistoriker, diese Scheidewand zwischen Griechen und Römern gezogen hat. Herman Grimm hat nämlich behauptet: Wenn man heute in der Schule oder auf der Universität Geschichte lernt, ist man darauf angewiesen, daß man das, was man da lernt, auch versteht. Aber man versteht, wenn man heute Geschichte lernt, rückwärtsgehend in der Menschheitsentwickelung, die Geschichte nur bis zum Römertum. Cicero, Cäsar, die kann man noch verstehen, weil sie bis zu einem gewissen Grade dem heutigen Menschen schon ziemlich ähnlich sind, obwohl auch schon viel Unnatürliches in dem Verständnis liegt, das wir, sagen wir, Cäsar entgegenbringen. Würden wir nicht dazu dressiert, so würden sich für Cäsar wahrscheinlich nur die Zöglinge der Militäranstalten interessieren. Wir werden in dieser Beziehung furchtbar dressiert. Aber im ganzen und großen geht heute eben ein fortlaufender Strom zurück zum Römertum. Ein gewisses philiströses Element, das heute in der Kulmination ist, das aber allmählich in die Menschheit eingeschlichen ist, das finden wir eben schon, wenn wir bis zum Römertum zurückgehen. Aber derjenige, der ehrlich ist im Verständnis der Vergangenheit, so meint Herman Grimm, der kann sich nicht zuschreiben, daß er zum Beispiel den Perikles oder den Alkibiades versteht. Die versteht man so, wie man die Persönlichkeiten von Märchen versteht. Das Seelenleben dieser Persönlichkeiten kann erst wiederum verstanden werden gerade durch anthroposophische Vertiefung. Wir haben immer versucht, hineinzukommen in die Art und Weise, wie ein Grieche vorstellt. Das fühlt auch Herman Grimm. Er fühlt die Entfernung, die zwischen dem Seelenleben eines Griechen und eines modernen Menschen ist, der den Römern noch sehr nahesteht; dann kommt ein Abgrund.
Cite:
GA 224/1923-04-13/p017 · edition original