Die Schaffung eines Michael-Festes aus dem Geiste heraus Die Rätsel des inneren Menschen
Und das Denken! Ja, die feineren Organe des Gehirns, die dem Denken zugrunde liegen, sie entwickeln sich wieder aus der Sprachorganisation. Es soll nur niemand glauben, daß sich in der normalen kindlichen Entwickelung das Denken vor dem Sprechen entwickeln könnte. Wer aufzupassen vermag, der wird finden: Die Sprache ist zunächst nicht ein Ausdruck von Gedanken beim Kind. Ganz und gar nicht! Es wäre lächerlich, das zu glauben. Sondern die Sprache ist beim Kinde ein Ausdruck des Fühlens, des Empfindens, des Seelenlebens. Daher werden Sie sehen, daß es zunächst die Empfindungsworte sind, alles, was Empfindungen sind, was das Kind durch die Sprache zuerst ausdrückt. Und wenn das Kind «Mama» oder «Papa» sagt, so sind es die Gefühle zu Mama oder Papa, die es meint, nicht irgendein Begriff oder Gedanke. Das Denken entwickelt sich erst aus der Sprache heraus. Allerdings verschiebt sich beim Menschen manches, so daß man dann sagt: Dieses Kind hat sprechen gelernt vor dem Gehenlernen. Aber es ist dies nicht die normale Entwickelung, und man sollte sogar bei der Erziehung durchaus darauf sehen, daß die normale Entwickelungsreihe wirklich eingehalten werde: Gehen, Sprechen, Denken.
Cite:
GA 224/1923-05-23/p006 · edition original