Die Schaffung eines Michael-Festes aus dem Geiste heraus Die Rätsel des inneren Menschen

GA 224/1923-05-23/p011 ·1923-05-23 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Nun kam die atlantische Katastrophe. Bei allen Nachatlantiern entwickelte sich zunächst die Vorliebe für Quintenfolgen. Sie wissen ja wahrscheinlich, daß die Quinte noch lange Zeit in der musikalischen Entwickelung die ausgedehnteste Rolle spielte; noch im alten Griechenland zum Beispiel spielte die Quinte eine ganz ausgebreitete Rolle. Die Vorliebe für Quintenfolgen hatte die Eigentümlichkeit zur Folge, daß zwar die Menschen, indem sie musikalisch erlebten, sich allerdings jetzt nicht mehr außerhalb ihres Leibes fühlten, aber in ihrem Leibe sich seelisch-geistig fühlten. Sie vergaßen völlig während des musikalischen Erlebens das physische Erleben. Sie fühlten sich zwar sozusagen innerhalb ihrer Haut, aber ihre Haut ganz ausgefüllt mit Seele und Geist. Das war die Wirkung der Musik, und die wenigsten Menschen werden es glauben, daß fast noch bis zum 10., 11. nachchristlichen Jahrhundert die naturgemäße Musik so wat, wie ich es beschrieb, denn dann erst traten die Begabungen der Menschen für Terzen ein, die große und die kleine Terz, und für das Dur- und Mollmäßige. Das ist verhältnismäßig spät gekommen, aber mit diesem Spätkommen gestaltete sich zugleich das innerliche Erleben des Musikalischen heraus. Der Mensch blieb jetzt bei sich im Musikalischen. So wie die übrige Kultur in dieser Zeit von dem Geistigen herunterstrebte zum Materiellen, so strebte der Mensch im Musikalischen von dem Erleben des Geistigen, in das er aufging in den alten Zeiten, wenn er überhaupt Musik erlebte, hin zu dem Erleben des Musikalischen in sich, nicht mehr bis zur Haut, sondern ganz in sich. In dieser Weise waren auch die Dur- und Mollstimmungen erst damals heraufgekommen, die im wesentlichen eigentlich erst möglich sind, wenn der Mensch das Musikalische innerlich erlebt.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/224/1923-05-23/p011.json
Cite: GA 224/1923-05-23/p011 · edition original