Unser Gedankenleben in Schlafen und Wachen und im nachtodlichen Dasein
Wenn wir den Menschen so betrachten, wie er im irdischen Dasein steht, dann muß uns ohne Zweifel als das Bedeutendste in seinen Lebensäußerungen erscheinen die Denk- oder Vorstellungsfähigkeit, die Fähigkeit, sich über die Welt, über das eigene Handeln und so weiter Gedanken zu machen. Wir täuschen uns, wenn wir uns über den irdischen Lebensverlauf ein anderes Urteil bilden. Gewiß, manches bringt uns nahe, zu sagen, das Wertvollste könne für den Menschen nicht in den Gedanken liegen. Der Mensch empfindet zum Beispiel gewissermaßen unter der Schwelle der Gedanken seine Gefühls-, seine Gemütsäußerungen, und was der Mensch über seine eigenen Aufgaben, über sein Verhalten zu seinen Mitmenschen, ja auch über die Welt fühlen könne, das sei wertvoller als sein Denken. Und gar erst, wenn wir auf das moralische Dasein schauen und aufmerksam werden auf die Stimme des Gewissens, dann werden wir uns sagen: Diese Stimme des Gewissens spricht aus tiefen Untergründen der Seele heraus, die von dem bloßen Denken nicht erreicht werden. Insbesondere werden wir veranlaßt, eine solche Aussage zu machen, wenn wir darauf hinweisen wollen, daß der Mensch auch durch die höchste Entwickelung seines Gedankenlebens, wie er sie durch Schulung erreichen kann im gewöhnlichen irdischen Leben, nicht in moralischer Beziehung das erreichen kann, was ein lauteres, ja man möchte oftmals sagen, ein in Einfalt wirkendes Gewissen impulsiert. Aber dennoch, wir täuschen uns, wenn wir sagen, daß Gedanken deshalb, weil alle diese Dinge richtig sind - und sie sind richtig -, nicht das Wesentliche des irdischen Menschenlebens seien. Denn gewiß, aus unsäglich tieferen Untergründen heraus als die Gedanken tönt die Stimme des Gewissens, tönen die Gefühle des Mitleids und so weiter. Aber für den Menschen bekommen diese aus den Untergründen seiner Seele heraustönenden und herauslebenden Impulse erst dann das rechte Licht, erst dann dasjenige, was sie eigentlich in das Menschliche heraufhebt, wenn sie von Gedanken durchsetzt werden. Auch die Stimme des Gewissens bekommt ihren Wert dadurch, daß sie aus den Untergründen der Seele heraufwirkt, sich aber dann in der Gedankenwelt auslebt und der Mensch in Gedanken kleiden kann, was ihm die Stimme des Gewissens sagt. Ohne das Gedankenleben zu überschätzen, müssen wir uns, wenn wir uns einem illusionsfreien menschlichen Bewußtsein hingeben wollen, doch sagen, dieses Gedankenleben mache den Menschen erst zum Menschen. Und in einer gewissen Beziehung hat der deutsche Philosoph Hegel schon recht, wenn er sagt: Es ist das Denken, das den Menschen vom Tiere unterscheidet.
Cite:
GA 224/1923-06-21/p003 · edition original