Unser Gedankenleben in Schlafen und Wachen und im nachtodlichen Dasein
Nun ist die Eigentümlichkeit desjenigen, was wir im schlafenden Zustande durchleben, dies, daß für das Schlafen die Welt umgekehrt verläuft. Ob das Schlafen nun lange oder kurz ist, wenn wir einschlafen, das macht es nicht aus, weil die Zeitverhältnisse für den andern Bewußtseinszustand auch ganz andere sind. Ob Sie also eine lange Nacht schlafen oder ein paar Minuten, die Charakteristik, die ich gebe, ist für beide Schlafverläufe gleich. Wenn der Mensch die Zeit durchmißt zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, dann durchlebt er zurück dasjenige, was er in der physischen Welt durchgemacht hat zwischen dem letzten Aufwachen bis zum Einschlafen. Das durchlebt er in anderer Gestalt durchlaufend noch einmal, und er durchlebt es so: Während wir bei unserem Tagesbewußtsein das Durchleben mehr mit der physischen Nuancierung und mit Gefühlen über die physische Nuancierung haben, den Ablauf der Ereignisse vom Anfang bis zum Ende, jedes einzelne Ereignis oder den Umstand, wie sie aufeinanderfolgen, in der physischen intellektuellen Nuancierung durchleben: im Schlafen erleben wir das alles zurück, aber mit moralischer Nuancierung. Da leben die moralisch-religiösen Impulse darin, da durchleben wir die Sache so, daß wir ein jedes Ereignis werten danach, wie wertvoll oder unwertvoll es uns als Mensch macht. Da könnten wir uns keinen Illusionen darüber hingeben, wenn wir es bewußt durchmachen würden, was es für eine Bedeutung hat, ob wir dieses oder jenes vollbracht haben, denn da werten wir die Ereignisse des Tages in bezug auf unser Menschtum.
Cite:
GA 224/1923-06-21/p014 · edition original