Unser Gedankenleben in Schlafen und Wachen und im nachtodlichen Dasein
Worum es sich handelt, ist nicht, daß wir uns bloß Gedanken machen über die geistige Welt - wir müssen sie uns zunächst machen, damit überhaupt der Inhalt der geistigen Welt in die Seele hereinkommt -, aber das, worum es sich handelt, ist, daß diese Gedanken sich als lebendig schaffend erweisen. Die gewöhnlichen physischen Erdengedanken sind abstrakte Gedanken. Die meisten wissenschaftlichen Gedanken sind ganz abstrakte Gedanken, die tun eigentlich nichts in der menschlichen Wesenheit, so wenig als die Spiegelbilder etwas tun können. Sie sind nur Bilder, diese Gedanken. Wenn Sie mit einem Menschen zu gleicher Zeit in den Spiegel schauen und eine Ohrfeige bekommen, so werden Sie nicht irgendeinem der Spiegelbilder das zuschreiben, daß Sie die Ohrfeige bekommen haben, sondern einem wirklichen Menschen, der neben Ihnen steht. Gedanken sind ebenso wie die Spiegelbilder: sie tun nichts, sie impulsieren nicht in Wirklichkeit. Erst die moralischen Intuitionen in den Gedanken sind das Impulsierende. Und so ist es, daß wir zwar ausgehen müssen von Gedanken, daß aber die Gedanken über die geistige Welt so wirken müssen, wie Realitäten wirken, nicht wie Gedanken.
Cite:
GA 224/1923-06-21/p024 · edition original