Unser Gedankenleben in Schlafen und Wachen und im nachtodlichen Dasein
Damit ist schließlich nichts Besonderes getan, wenn wir die Anthroposophie als Theorie haben. Sie muß Leben werden. Sie kann aber insbesondere in diesem Punkte Leben werden, daß sie unsere Seelen energievoll, tragkräftig, mutvoll macht; daß in dem Momente, wenn wir in Sorge für das physische Erdenleben, in tiefster Trauer und tiefstem Elend stehen, wir im Aufblick zu einer geistigen Welt von innerer Freudigkeit, von innerem Trost, von innerer Energie erfüllt werden können. Dann wird Anthroposophie wie ein lebendiges Wesen, dann wird sie etwas, was wie unter uns wandelt als ein lebendiges Wesen. Dann aber ist sie eigentlich erst dasjenige unter uns geworden, was sie werden sollte, dann durchdringt sie erst alle unsere Tätigkeit. Und dann bringt sie uns dazu, diese Welt, in die wir ja auch um des Geistes, nicht um der physischen Materie willen auf Erden hineingestellt werden, wirklich zu durchdringen. Vor allen Dingen kommt dann Anthroposophie zur wirklichen Menschenkenntnis. Denn wenn man den Menschen einfach so betrachtet, daß man, nachdem er gestorben ist, absieht von dem, was nun durch die Pforte des Todes gegangen ist und bloß dasjenige ins Auge faßt, was als physischer Leib übriggeblieben ist, auf anatomischem Wege, indem man den Leichnam seziert, physiologisch den Menschen betrachtet: dadurch erfährt man ja das allerwenigste über den Menschen. Denn dann wird eigentlich alles so mehr oder weniger gleichgültig am Menschen, gleichgeltend besser gesagt: die Blutzelle wird mit der Nervenzelle stark gleichgeltend. Gewiß, man unterscheidet sie — ich will Ihnen nicht irgendeinen Unsinn vortragen -, aber man unterscheidet sie nicht in bezug auf das Wesen. In bezug auf das Wesen kann man sie nur unterscheiden, wenn man die Beziehung dieser Elementarwesenheit Zelle zum Geistigen kennt. Nun ist es bei der Nervenzelle so, überhaupt bei jedem Nervenpartikelchen, daß in dem Nervenwesen dasjenige, was aus dem Geiste kommt, ich möchte sagen, sein irdisches Heim findet. Wir kommen, wenn wir aus der geistigen Welt heraustreten und wieder Erdenbürger werden, durch die Ihnen bekannten Vorgänge in unseren physischen Leib herein. Was uns da dient, indem wir heruntersteigen in die physische Welt, das ist alles das, was mit unserem Nervenmenschen zusammenhängt. Wir setzen uns gewissermaßen in unser Nervensystem hinein, indem wir aus der geistigen Welt heruntersteigen. Und das Eigentümliche dieses Nervenmenschen, jeder einzelnen Nervenzelle, jedes Nervenpartikelchens, besteht darin, daß das Geistige diese Nervensubstanz so ausfüllt, daß innerhalb des Nervenmenschen in der Wesenheit das da ist, was man nennen könnte: zur Materie verdichteter Geist. Es ist ja nicht ganz so, sondern so, daß beim irdischen Menschen fortwährend ein Austausch stattfindet zwischen Nervenmaterie und Blutmaterie. Aber es ist der Austausch so, daß innerhalb der Nervenmaterie die eigentliche Blutmaterie nicht geduldet, immer herausgeworfen wird, so daß wir in der Nervenmaterie etwas haben, was während unseres ganzen Erdenlebens für die irdische Geistigkeit wie ein Undurchlässiges ist.
Cite:
GA 224/1923-06-21/p026 · edition original