Unser Gedankenleben in Schlafen und Wachen und im nachtodlichen Dasein
Nun, gestatten Sie mir, daß ich einen Vergleich gebrauche. Sie haben zwei entgegengesetzte Zustände. Wenn Sie sich die Waage vorstellen und im Hypomochlion festgehalten rechter und linker Waagebalken: Sie haben Gleichgewicht, wenn das Gewicht auf der einen Seite so groß ist wie das auf der andern Seite. Immer, wenn Sie das Gewicht auf der einen Waageschale vergrößern, müssen Sie es auf der andern Seite auch vergrößern, damit der Waagebalken horizontal bleibt. Aber ein Punkt ist da, den das gar nicht interessiert: das ist der Punkt, wo der Waagebalken aufgehängt ist. Sie können die Waage überall herumschaffen, wenn Sie sie an dem einen Punkt halten, wo der Waagebalken unterstützt ist. Sie können überall sehen, wie links von rechts abhängig ist und umgekehrt, aber gar nicht kümmert sich darum dieser Aufhängepunkt. Da ist alles im Gleichgewicht, und was da auch auf den zwei Waagschalen vorgeht, es ist ganz unabhängig von dem, was gerade just in diesem einen Punkte bei der Waage vorgeht. Sie können einmal eine Bewegung so machen, wenn Sie die genügende Geschicklichkeit anwenden, Sie können auch eine solche Bewegung oder eine solche machen mit dem Aufhängepunkte: das hängt gar nicht zusammen mit dem, was auf der Waage, auf der rechten und linken Seite des Waagebalkens vor sich geht. So ist es beim Menschen auch, nur ist da kein Aufhängepunkt, aber eine Gleichgewichtslage zwischen dem, was er als Nervenmensch ist und dem, was er auf der Erde wird. Diese zwei Dinge stehen miteinander in einem Zusammenhang, den man untersuchen kann. Bei einem Menschen, der auf der einen Seite starke Gedanken hat, kommen diese in einem starken Willensentschluß zum Ausdruck. Wenn ein Mensch starke Muskeln hat, hat er auch andere Gedanken über sein Wollen. Aber dazwischen ist eine Gleichgewichtslage. Die Gleichgewichtslage liegt nicht im Kopf als Repräsentanten des Nervenmenschen - nicht in den Gliedmaßen als Repräsentanten des Blutmenschen. Sie liegt dazwischen, sie ist etwas wie ein Hypomochlion, was die Gleichgewichtslage von beiden ist.
Cite:
GA 224/1923-06-21/p029 · edition original