Mauthners «Kritik der Sprache» Die Unzulänglichkeit heutigen Denkens, aufgezeigt an Rubner und Schweitzer
Wenn der Mensch heute ehrlich in sich selbst hineinsieht, dann muß er sich gestehen: Dasjenige, was er an Gedanken in sich trägt, ist zumeist — ja, für die meisten ist alles, was an Gedanken in ihnen getragen wird — aus der Außenwelt genommen. Die Gedanken sind mehr oder weniger nur Spiegelbilder dessen, was in der äußeren physisch-sinnlichen Wirklichkeit auf die menschlichen Sinne einen Eindruck macht. Versuchen Sie nur einmal deutlich das Selbstbeobachtungsexperiment zu machen und sich zu fragen: Wieviel Gedanken sind denn in diesem menschlichen Bewußtsein, die auf etwas anderes hinweisen — außer dem, daß wir Worte haben: Denken, Fühlen, Wollen, Gott, Unsterblichkeit und so weiter —, die auf etwas hinweisen in dem Geistesleben der gewöhnlichen Zivilisation, was nicht von der Außenwelt gespiegelt ist. Die Menschen trachten ja nur danach, alles so aufzufassen, wie es von der Außenwelt gespiegelt werden kann. Und wenn man heute vielen Menschen das Geistige klarmachen will, dann verlangen sie eigentlich schon auch für das Geistige Lichtbilder, vielleicht einen Film oder dergleichen, weil sie sagen: Wenn uns das nicht veranschaulicht wird, wenn uns nicht sinnliche Bilder vor Augen gestellt werden, dann begreifen wir ja nichts vom Geistigen!
Cite:
GA 224/1923-07-04/p009 · edition original