Vierter Vortrag
So muß man immer demjenigen, der die heute anerkannte Psychologie geltend macht, sagen: Du hast ja ganz recht. - Man sagt als Anthroposoph zum Naturforscher, zum Psychologen: Ihr habt ja ganz recht. - Man widerlegt sie nicht, man gibt ihnen recht. Er aber sagt: Wenn du von den Instinkten, von den Trieben, Leidenschaften so redest wie von Buchstaben, die du lesen kannst, dann bist du eben ein verrückter Kerl. - Das ist die Schwierigkeit. Der Anthroposoph kann sich mit den andern ganz gut verstehen, er braucht sie auch nicht zu widerlegen. Er polemisiert auch gar nicht gegen die äußere Wissenschaft. Nur dann, wenn diese Wissenschaft anfängt, ihn einen verrückten Kerl zu nennen, dann muß er natürlich das geltend machen, daß das nicht stimmt, und namentlich, daß er auch das gelten läßt, was die andern gelten lassen wollen. Nur kann er nicht den Grundsatz gelten lassen, daß es alles dasjenige nicht gibt, was irgendeiner nicht sieht. Denn das ist gar kein Kriterium der Wahrheit, daß es das nicht gibt, was einer nicht sieht. Da muß er sich erst überzeugen davon, daß der andere das sieht.
Cite:
GA 226/1923-05-19/p034 · edition original