Fünfter Vortrag

GA 226/1923-05-20/p007 ·1923-05-20 · original (original)
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Aber für den heutigen Menschen, wie gesagt, stimmt das durchaus, daß er von einem gewissen Lebensalter ab in seinem Seelisch-Geistigen sich nicht mehr stark abhängig fühlt von dem Körperlichen. Gewiß, man merkt, wenn man ein gewisses stattliches Alter schon erreicht hat, daß man dann wiederum abhängig wird von dem Körperlichen. Man merkt ja, wenn die Beine nicht mehr recht wollen, wenn Runzeln auftreten im Gesicht, wenn die Haare sich bleichen, daß da auch eine gewisse Abhängigkeit vom Körperlichen eintritt. Aber diesem schreibt man nicht einen wirklichen Parallelismus des Körperlichen und des Seelischen zu. Man fühlt halt, daß der Körper in seinen Kräften nachläßt, aber man fühlt, daß man im Geistig-Seelischen eigentlich doch mehr oder weniger unabhängig bleibt und bleiben müsse auch in unserem Zeitalter von diesem Körperlich-Physischen. Das war aber nicht immer so, sondern wenn wir in frühere Zeitepochen der Menschheitsentwickelung zurückgehen, dann finden wir, daß die Menschen bis in hohe Lebensalter hinauf so lebendig abhängig blieben von ihrem Körperlichen, wie heute das Kind vom Zahnwechsel, von der Geschlechtsteife abhängig ist in seinem Seelischen vom Körperlichen. Und wenn wir zurückgehen bis in die erste Epoche, die wir nicht äußerlich historisch, aber geisteswissenschaftlich verfolgen können als die Epoche der Menschheitsentwickelung nach der großen, gewaltigen atlantischen Katastrophe, durch die sich die Kontinente auf der Erde umgelagert haben, wenn wir in diese erste Epoche zurückgehen, die ich in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» die urindische genannt habe, da fühlte sich der Mensch, so wie das Kind vom Zahnwechsel, der Jüngling und die Jungfrau von der Geschlechtsreife abhängig vom Physisch-Leiblichen bis hinauf in das Lebensalter der Fünfzigerjahre. Das heißt, wie man die aufsteigende Wachstumsentwickelung heute in der Kindheit miterlebt, so erlebte man die absteigende Entwickelung im Seelisch-Geistigen mit. Und geradeso in den Fünfzigerjahten, da war es so, daß die Menschen, wenn sie in diesem Lebensalter ankamen, innerlich zu etwas heranreiften dadurch, daß sie einfach älter geworden sind, wie man zu etwas heranreift heute, wenn man die Geschlechtsreife erlangt hat. Und es war dies das Zeitalter, sieben-, achttausend Jahre vor dem Mysterium von Golgatha, wo der Mensch erwartungsvoll sein ganzes Leben hindurch auf dieses Älterwerden hinblickte, weil er sich sagte: Da offenbart sich mir einfach aus meiner körperlichen Beschaffenheit heraus etwas, was ich im früheren Lebensalter, bevor ich neunundvierzig, fünfzig Jahre alt werde, einfach nicht erfahren kann. - Es ist das, was in jener Zivilisation vorhanden war, etwas, was für den heutigen Menschen natürlich furchtbar schockant ist. Man stelle sich nur heute einmal einen Menschen vor, der da doch ganz sicher glaubt, wenn er die Zwanzigerjahre erreicht hat, ist er einfach ein gemachter Mensch. Man stelle sich vor, der soll nun warten, daß sich ihm einfach durch das Alter später etwas enthüllt, was man vorher nicht wissen kann, was man vorher nicht fühlen und empfinden kann!

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